Das sagt die Wissenschaft zur Ornitherapie Bereits im Jahr 1979 erkannte der Ärztliche Direktor R.A.F. Cox in England, dass „für depressive oder körperlich an das Haus gebundene Menschen das einfache Vergnügen, Vögel zu beobachten, ein unschätzbarer Trost sein kann. Weiters bringt die tiefere Beschäftigung mit der Bestimmung der Vogelarten und genaue Beobachtungen ihres Verhaltens eine neue Dimension in das Leben der Mutlosesten. Als Beruhigungsmittel kann die Vogelbeobachtung so wirksam wie jede Droge sein, aber billiger und sicherer als viele.“ Das nannte er Ornitherapie. Hinweise darauf, dass die Vogelbeobachtung eine positive Wirkung auf das menschliche Wohlbefinden und die Gesundheit hat, haben in den letzten Jahren zugenommen. So leiden Menschen, die in Gegenden mit mehr Vögeln, Sträuchern und Bäumen leben, seltener an Depressionen, Angstzuständen und Stress (Cox et al. 2017). Europaweit sind Menschen umso zufriedener und glücklicher, je mehr Vögel in ihrer Umgebung singen und je mehr Arten sie hören (Methorst et al. 2021). Vogelgesang reduziert Ängste und irrationale Gedanken. Im Vergleich zu Verkehrslärm, dem viele Menschen täglich ausgesetzt sind, hat Vogelgesang eine positive Wirkung (Stobbe et al. 2022). Und aus der wissenschaftlichen Begleitung des LBV-Seniorenprojekts „Alle Vögel sind schon da“ in vollstationären Pflegeeinrichtungen wissen wir, dass durch die Vogelbeobachtung besonders die kognitiven Ressourcen, die Mobilität und das soziale Wohlbefinden der Seniorinnen und Senioren gefördert werden (Kals 2020). Intuitiv suchen wir Wohlbefinden in der Natur. Manche beim Gärtnern, andere beim Waldspaziergang und wiederum andere bei der Vogelbeobachtung. Danach fühlen wir uns erholter und glücklicher. Zu diesem mittlerweile auch vielfach wissenschaftlich belegten positiven Effekt ist nun das erste deutschsprachige Buch erschienen, zu dem der LBV maßgeblich beigetragen hat. Zeit in der Natur zu verbringen, hilft uns vom hektischen Alltagsleben loszukommen und Ruhe zu finden. Am besten wirkt Natur, wenn wir sie bewusst erleben, uns auf das natürliche Leben um uns einlassen und alles andere ausblenden. Dabei hilft zum Beispiel die Vogelbeobachtung: „Wir fühlen uns gut, wenn wir mit der Natur und ihren Lebewesen in Kontakt sind. Diesen Kontakt zur Natur zu suchen, ist uns angeboren“, beschreibt der USamerikanische Verhaltensbiologe und Begründer der Soziobiologie E. O. Wilson den Effekt. Vögel sind ein bunter, sehr lebendiger Teil der Natur. Sie leben auf dem Land ebenso wie in der Stadt und in den Bergen, an Flüssen und an Seen. Jede und jeder kann sie zu Hause vom Fenster aus im Garten oder am Balkon beobachten, ebenso wie bei einem Spaziergang im Naturschutzgebiet. Vögel lassen uns die Natur intensiv erleben. Besonders ihre Vielfalt und ihr Auftreten in großen Schwärmen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Entspannt können wir ihre Bewegungen mit dem Blick verfolgen und die Gedanken schweifen lassen. Den Gesängen der Vögel zu lauschen ist einfach. Besonders das Morgenkonzert der Singvögel im Frühling ist für unsere Ohren wohlklingend melodisch. Genauso wie unser Lieblingslied können Vogelstimmen Erinnerungen wecken. Wir werden zurückversetzt in entspannende Naturlandschaften und besinnen uns auf positive Erfahrungen in der Natur. So mancher Amselgesang lässt uns zum Beispiel an einen lauen Sommerabend denken. Auf diese Weise lenken uns Vogelgesänge vom Alltag ab und schenken uns Momente der Entspannung und des Glücks. Bei der Vogelbeobachtung fokussieren wir uns ganz auf das Hier und Jetzt, entkommen negativem Denken oder Handeln. Unsere Sorgen und Ängste sind während dieser Zeit vergessen. Das hat eine positive, wissenschaftlich bewiesene Wirkung auf die körperliche und psychische Gesundheit und auf unser allgemeines Wohlbefinden. Manche Ärzte erkennen und verschreiben deshalb die „Naturpille“ als Unterstützung zur Heilung vor allem psychischer Krankheiten. So gibt es in Kanada Natur auf Rezept und in Japan ist Shinrin Yoku, das Waldbaden, schon lange eine anerkannte Heilmethode. LBV MAGAZIN 2|23 13
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