VOGELSCHUTZ 3-19

14 VOGELSCHUTZ 4|19 Nahrungsmangel und Abschuss Die Ursachen für den Rückgang der Turteltaube sind vielfäl- tig und eng mit der Biologie der Art verknüpft. So hat der Vo- gel des Jahres 2020 grundsätzlich mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von nur zwei Jahren und damit mit einer hohen natürlichen Sterblichkeit zu kämpfen. Nur jeder vierte bis fünfte Jungvogel überlebt das erste Jahr. Diese Verluste kann die Turteltaube durch mehrere Bruten pro Jahr kompen- sieren. Allerdings setzen wir Menschen dieser Überlebensstrategie durch unsere Lebensweise enorm zu. Die Intensivierung der Landwirtschaft und der zunehmende Einsatz immer ef- fektiverer Unkrautvernichtungsmittel verschlechtern die Lebensbedingungen der Turteltaube dramatisch. Mit der Ausweitung von Anbauflächen geht zudem der Verlust von Brachen, Hecken und Ackersäumen einher. Damit ver- schwinden sowohl Nistplätze als auch entscheidende Nah- rungsflächen. Doch genau im mangelnden Nistplatzangebot sowie der fehlenden oder durch Pestizide belasteten Nah- rung liegen die Hauptgründe für die sinkenden Brutzahlen und geringen Überlebenschancen des Taubennachwuchses. Eine weitere Gefährdungsursache für den Bestand der Turteltaube ist die Jagd. In zehn EU-Staaten, Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien, Malta, Österreich, Portu- gal, Rumänien, Spanien und Zypern, darf die Art nach der EU-Vogelschutzrichtlinie legal bejagt werden. So kommen in der EU jährlich mindestens 1,4 bis 2,2 Millionen Turteltau- ben zum Abschuss. Eigentlich ist die EU-Vogelschutzrichtlinie das wirk- samste Rechtsinstrument zum Erhalt der Vogelbestände in Europa. Jedoch erlauben Ausnahmen für bestimmte Vo- gelarten, zu denen die Turteltaube gehört, die Jagd in der gesamten EU bzw. in einzelnen Staaten. Die oben genannten Mitgliedsstaaten mit Lizenz zur Jagd auf die Turteltaube müs- sen zwar sicherstellen, dass sowohl die Art selbst als auch konkrete Schutzbe- mühungen für den Vogel des Jahres nicht gefährdet werden, die rückläufigen Be- standszahlen offenbaren allerdings die offensichtlich viel zu hohen Quoten und damit ein Defizit der Richtlinie. Neben der legalen Jagd auf die Turteltaube spielen auch Verluste durch illegalen Abschuss eine nicht unbedeutende Rolle. Noch immer werden in Nahost, Ägyp- ten und vorwiegend im Frühjahr auf den Ionischen Inseln in Griechenland viele Vögel zum Vergnügen geschossen oder auf Märkten zum Verzehr verkauft. Die Vogelschutzorgani- sation BirdLife International geht davon aus, dass pro Jahr allein mehr als 600.000 Turteltauben im gesamten Mittel- meerraum der illegalen Tötung zum Opfer fallen. Umdenken bei Agrarpolitik nötig Die Umsetzung von Schutzmaßnahmen erfordert von Eu- ropa und Deutschland vor allem eine entsprechende Neu- Die intensive Landwirtschaft macht auch der Turteltaube das Leben schwer (1). Sie sucht ihre Nahrung immer am Boden und ernährt sich dabei überwiegend von Sämereien (2). Die Turteltaube hat natürliche Fressfeinde, wie zum Beispiel den Habicht, welche aber nicht für den starken Rückgang der Art verantwortlich sind (3). Die Turteltaube legt in der Regel zwei strahlend weiße Eier (4). 600.000 tote Turteltau- ben im Jahr allein durch illegale Jagd im Mittelmeerraum Die strukturreiche Kulturlandschaft ist Lebensraum der Turteltaube. 1 2 T H EMA

RkJQdWJsaXNoZXIy NDEzNzE=