VOGELSCHUTZ 1-19

1|19 VOGELSCHUTZ 37 auch unter den Bedingungen des globalen Klimawandels zu beobachten und zu analysieren. Sie sind Naturlabore, in denen wir von der natürlichen Entwicklung, von der Selbstorganisation der ökologischen Systeme und deren Elastizität und Resilienz lernen können. Als weiteres Qua- litätskriterium repräsentieren nutzungsfreie Großschutz- gebiete ursprüngliche Naturlandschaften und beinhalten häufig auch komplette Floren- und Faunengemeinschaf- ten in langfristig lebensfähigen Beständen. Der Wert und das Ziel von Großschutzgebieten ist nicht eine maximale, von Neophyten, Neozoen oder wirtschaftlich relevanten Arten angereicherte Artenzahl. Vielmehr geht es um die ursprüngliche, lokaltypische Artenzusammensetzung in möglichst unverfälschter Form, die unseren Großschutz- gebieten ihre naturschutzfachliche Qualität verleiht. Im Falle von Waldöko- systemen sei darauf ver- wiesen, dass sich gewisse ökologische Prozesse erst in reifen, alten sowie ent- sprechend großen räum- lich und zeitlich kontinuier- lichen Wäldern entfalten. Sie können folglich nur in den nutzungsfreien Wäldern von Großschutzgebieten er- kannt, beobachtet und verstanden werden – nicht jedoch in unseren kurzlebigen und künstlich gestalteten Wirt- schaftsforsten. Nicht vergessen dürfen wir die Bedeutung von nut- zungsfreien Großschutzgebieten wie z.B. Nationalparks für uns Menschen: Sie ermöglichen eine intensive emotionale und spirituelle Naturbegegnung und bilden ein (globales und lokales) naturgeschichtliches und kulturelles Gedächt- nis angesichts einer globalen Domestikation von Natur. Nutzungsfreie Großschutzgebiete wie Nationalparks sind daher eng mit sozialen Aspekten verknüpft. Denn, möchte eine moderne Gesellschaft dem Einzelnen ein gutes Leben ermöglichen, dann muss sie auch Räume zur Verfügung stellen, die es ermöglichen, eine Naturbeziehung aufzu- bauen und ein Naturbewusstsein zu entwickeln. Gerade Nationalparks mit ihren herausragenden Naturlandschaften, ihrem Arten- und Bio- toppotenzial und ihren Naturerfahrungs- möglichkeiten stehen hier zweifelsohne an erster Stelle. Nicht umsonst gehört Um- weltbildung zu den Kernaufgaben einer Nationalparkverwaltung. Wenn wir also eine gelungene Naturbeziehung für ein menschliches Dasein als notwendig erach- ten, dann können wir nutzungsfreie Groß- schutzgebiete auch als einen Akt staatli- cher Daseinsvorsorge begreifen. Nutzungsfreie Groß- schutzgebiete sind Na- turlabore, von denen wir lernen können 1 2 3 FOTOS: MARCUS BOSCH (3), OLIVER WITTIG, DR. CHRISTOPH MONING DR. FRANZ LEIBL Leiter der Nationalparkver- waltung Bayerischer Wald E-Mail: franz.leibl@npv-bw.bayern.de Blick auf den Königssee und den Nationalpark Berchtes- gaden (1). Eine Waldwiese mit Mehlprimeln im Berchtesgade- ner Nationalpark (2). Ein Haselhuhn, aufgenommen im Nationalpark Bayerischer Wald (3). Panorama Nationalpark Bayerischer Wald

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