VOGELSCHUTZ_1_18
in Granitturm im Fichtenmeer des Bayerwaldes. Über bewaldete Höhen schweift der Blick hi- nüber nach Tschechien. Mittendrin in der stillen, wilden Landschaft zwei Vögel, die über Jahrzehnte hier nicht mehr zu sehen waren: Auf einem Felsvor- sprung putzt sich ein junger Wanderfalke und macht Flugübungen. Darüber kreist schon sein Nestge- schwister. Junge Wanderfalken in so ursprünglicher Kulisse ausfliegen zu sehen – vor dreißig Jahren, als der Wanderfalke hierzulande fast ausgerottet war, hätte kaum ein Naturschützer mehr auf solche Er- lebnisse gehofft. Und doch brüten heute im Baye- rischen Wald wieder 15, bayernweit an die 300 Wan- derfalkenpaare – Erfolg eines Artenhilfsprogramms, in dem seit 1982 Hunderte LBV-Aktive für die Rück- kehr des eleganten Greifvogels kämpften. Szenenwechsel: Augsburg im Juni 2016. Das Landesamt für Umwelt stellt die neue Rote Liste gefährdeter Brutvögel Bayerns vor. Wir finden da alte Bekannte. Die Wiesenweihe zum Beispiel: Auch sie war über Jahrzehnte „vom Aussterben bedroht“. Und heute? „Stark gefährdet“? Fehlanzeige! Aber doch noch „gefährdet“? Nein, die Wiesenweihe wird als „Art mit geografischer Restriktion“ geführt, gilt nur noch wegen ihres kleinen Verbreitungsgebiets als latent gefährdet. Wer hat sie gerettet? Nein, nicht die „berühmten Schweizer“: LBVler waren es, Ehren- amtliche, die in einem anderen LBV-Artenhilfspro- gramm Jahr um Jahr ihre Freizeit opfern, um gefähr- dete Nester der Wiesenweihe zu sichern. Und auch andere Arten haben sich positiv ent- wickelt: der Steinadler, ehemals „stark gefährdet“ jetzt „Art mit geografischer Restriktion“. Der Uhu: zuvor „gefährdet“, heute aus der Roten Liste ent- lassen. Der Weißstorch: ein Bestandsanstieg auf fast 500 Paare seit den 1980er Jahren sichert jetzt seine Zukunft in Bayern. Sie alle profitieren von Ar- tenhilfsprogrammen, die der LBV mit Unterstützung des Freistaats und anderer gesellschaftlicher Grup- pen – Kommunen, Landwirte, Kletterer etc. – erfolg- reich umsetzt. Nur eine sogenannte Zielart fällt aus dem Rast er: der Ortolan. Der vom Aussterben bedrohte, nur noch in Unterfranken vorkommende Verwandte der Goldammer ist von einer Rettung weit entfernt. Aber das Programm ist jung, und erfolgreiche Arten hilfsprogramme brauchen einen langen Atem. Und immerhin haben sich mittlerweile die Ortolan-Be- stände auf niedrigem Niveau stabilisiert – die Maß- nahmen der mit uns kooperierenden Landwirte scheinen also den jahrzehntelangen Sinkflug der Art zu stoppen. ARTENSCHUTZ HEISST NICHT NUR VOGELSCHUTZ Doch es geht nicht nur um Vögel. Eben- so sichern wir in EU-LIFE-Projekten die deutschlandweit einzige Wochenstu- be der Großen Hufeisennase und ein Schwerpunktvorkommen der Grünen Keiljungfer, einer bedrohten Libellenart. Mit dem Bayerischen Naturschutzfonds schützen wir gefährdete Amphibien in Abbaustätten in ganz Bayern. Wir enga- gieren uns für den Feldhamster in Main- franken und den Fischotter im Baye- rischen Wald. Natürlich realisieren auch unsere Kreis- und Ortsgruppen lokal und regional ein breites Spektrum von Artenschutzmaßnahmen – für Vögel, Amphibien oder auch für Pflanzen wie das Bodensee-Vergissmeinnicht oder das Mittlere Wintergrün. Zwar dominiert heute der Lebens- raumschutz, der ökosystemare Ansatz der Biodiversitätskonvention, der nicht die einzelne Art, sondern ganze Lebens- gemeinschaften in den Fokus nimmt, weil er viele Arten bei begrenzten Res- sourcen im Naturschutz oft am effek- tivsten bewahren kann. Der traditionelle Einzelartenschutz ist dennoch nicht out: Eine hochgradige Gefährdung der Ziel- arten, eine besondere Verantwortung für Arten, die nur oder überwiegend bei uns vorkommen, oder auch kleine, lokal begrenzte Vorkommen mit hohem Aus- sterberisiko rechtfertigen weiterhin spe- zifische Artenschutzmaßnahmen, um einen unwiederbringlichen Verlust an biologischer Vielfalt zu verhindern. Viele Zielarten sind zudem „Flagg- schiffarten“ – attraktive viel beachtete Vertreter ihrer jeweiligen Lebensräume. Von ihrem Schutz profitieren also viele andere Arten mit geringerer Öffent- lichkeitswirkung. Der Artenschutz wird daher auch künftig eine große Rolle spielen, ganz im Sinne unserer Satzung und Ziele: LBV, Verband für Arten- und Biotopschutz. Artenhilfsprogramme brauchen einen langen Atem. 1 2 3 Der LBV engagiert sich für den Uhu (links), das Bodensee-Vergissmeinnicht (1), den Ortolan (2) in Unterfranken und den Fischotter (3) im Bayerischen Wald. ULRICH LANZ Referat Artenschutz Landesgeschäftsstelle Hilpoltstein E-Mail: ulrich.lanz@lbv.de E 1|18 VOGELSCHUTZ 11 FOTOS: ROSL RÖSSNER, FRANZ WIMMER (1), FRANK DERER (2), MARCUS BOSCH (3)
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