VOGELSCHUTZ 4-20

VOGELSCHUTZ 4|20 33 Das allgemeine Wissen über viele unserer heimischen Pflan - zen erlebt im Moment einen großen Rückgang. Abgesehen von Kräuterkundlern, Gärtnern und Spaziergängern, die sich noch mit der Unterscheidung verschiedener Arten auseinan- dersetzen, ist die Zahl der Menschen, die Pflanzen richtig an - sprechen, rückläufig. Wer also nicht gerade Biologie studiert hat und sich mit einem Bestimmungsbuch weiterhelfen will, der nutzt heute zur Pflanzenerkennung eine App. Artenkenntnis wird dann unabdingbar, wenn ökologische Zusammenhänge zum Tragen kommen. Eine Spezialisierung auf einzelne Arten, seien es Vögel oder Pflanzen hat zur Fol - ge, dass die grundlegenden Zusammenhänge zwischen den Artengruppen verloren gehen. Welche Pflanze braucht das Tagpfauenauge, um sich zu entwickeln? Worauf achtet der Kiebitz bei der Auswahl seines Brutplatzes in der Wiese? Anhand mehrerer Fotos wird die Pflanze von der App durch künstliche Intelligenz schnell bestimmt. Zusätzlich schlägt die App eine Auswahl an Arten vor, die außerdem in Frage kommen würden. Aber kann eine App wirklich nur anhand der Blätter richtig bestimmen? Oder sind auch Infos zu Blüten oder Früchten notwendig? Sich ähnelnde Arten können nämlich in der Praxis nicht immer zuverlässig unter- schieden werden, dazu ist der direkte Vergleich oder die Un - terscheidung anhand des Blühzeitpunktes nötig. Jedoch was tun, wenn die räumliche Distanz zu groß ist, um beide Arten gleichzeitig sehen zu können? Auch die Standort-Funktion der Apps löst dieses Problem nicht. Noch schwieriger wird es, wenn zwei sich ähnelnde Arten die gleiche ökologische Ni - sche besetzen. Zusätzlich können Pflanzen sehr plastisch auf ihre Umwelt reagieren. Dieselbe Art kann in Hochlagen an- ders aussehen als in Tieflagen oder auf einem nassen Stand - ort anders als auf einem trockenen. Darüber hinaus kommt es auch auf die Altersphase der Pflanze an, was bei einer aus - schließlichen Bestimmung per App seine Tücken birgt. Beim Test zur Unterscheidung zwischen Stiel- und Trau- beneiche ausschließlich anhand der Blätter stellte sich bei Flora incognita heraus, dass bei beiden Arten auch die jeweils andere zur Auswahl stand. Die Unterscheidung anhand der Blätter ist zwar im direkten Vergleich gut möglich, sind jedoch beide Arten nicht an einem Standpunkt auffindbar, könnte die eindeutige Zuordnung problematisch werden. FAZIT: Um unsere Pflanzenwelt besser kennenzulernen, ist eine App mit Sicherheit der richtige Einstieg, sie sollte aber keinesfalls als einziges Instrument in Fachkreisen genutzt werden. Bleibt noch die Frage: Wie tief geht die Artenkennt- nis heute tatsächlich noch? Artenkenner werden aufgrund des immer kleiner werdenden Lehrangebots an Universitä- ten immer weniger. Werden Fachleute in Zukunft also nur noch per App Arten bestimmen können? Diese NABU-App liefert vor allem Nachwuchs-Ento- mologen interessante Informationen zu den 122 häufigsten Insektenarten und somit zur Hälfte aller Sichtungen. Mit der integrierten automatischen Bild- erkennung können Insekten live oder anhand eines vorhandenen Bildes bestimmt werden. Wer sich be- reits mit den Insektengruppen auskennt, wird in der Listenansicht schnell fündig. Die bestimmten Insekten lassen sich in einer Beobachtungsliste speichern, die man exportieren oder an naturgucker.de übermitteln kann, um so einen Beitrag für die Bürgerwissenschaft zu leisten. Die App ist eine wunderbare Ergänzung für die Mitmachaktion Insektensommer von LBV und NABU. Gruppe: Insekten Preis: kostenlos NABU INSEKTENWELT FAZIT Mit der fotografischen Erkennungsfunktion gelingt eine schnelle und einfache Bestimmung von Insekten. Eine App, die aus der Reihe tanzt, aber dennoch beein - druckt. Prinzipiell konkurriert sie mit allen Apps, die mit Kameraerkennung arbeiten. Es lassen sich nicht nur Pilze oder Libellen bestimmen, sondern auch Schuh - modelle – also alles, was die Google-Datenbanken hergeben. Ein Foto wird automatisch analysiert, dann werden ähnliche Bilder auf Webseiten als Suchergeb- nis ausgespuckt. Google Lens verwendet alle imBild ent- haltenen Informationen wie Form, Farbe usw. So kann es vorkommen, dass ein Bild eines orangen Schmetter - lings als Ergebnis auch einen Kürbis liefert. Aber es gibt überraschend viele richtige Treffer. Android-Nutzer ha - ben direkten Zugriff in ihrer Kamera-App. iOS-Nutzer müssen sich die Google Fotos App herunterladen. Gruppe: Allesbestimmer Preis: kostenlos GOOGLE LENS FAZIT Komplex und informativ aufgebaute Bestimmungs- Apps kann Google Lens noch nicht ersetzen. Geht das Artenwissen durch Apps verloren? Ein Kommentar der LBV-Botanikerin Patricia Danel zu Pflanzen-Bestimmungsapps

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