VOGELSCHUTZ 3-20

LBV: Herr Hartmann, setzt die Staats- regierung das Volksbegehren, ihr Be- gleitgesetz und den Maßnahmenkata- log konsequent um? Oder hat sie es in Teilen ausgehebelt oder ausgetrickst? Ludwig Hartmann: Unser gemeinsa- mer großer Erfolg steht noch. Gleich- zeitig gibt es Bereiche, mit deren Um- setzung wir unzufrieden sein müssen. Geschützte Streuobstbestände ver- schwinden reihenweise, Wiesen dürfen mehr als vorgesehen gewalzt werden, die Biotopkartierung wurde gestoppt: Hier nimmt das Umweltministerium in Kauf, dass der Bestand stark ge- fährdeter Lebensräume immer kleiner wird. Zur Unterstützung des Ökoland- baus müssen wir darauf drängen, dass mehr Bio auf den Tisch kommt. Wir erleben jetzt den berühmten „clash of cultures“ – einen Zusammenprall un- terschiedlicher Kulturen – in den jahre- lang CSU-getrimmten Ministerien. Für uns ist Umweltschutz Leidenschaft, für die Söder-Regierung ein „notwendiges Übel“. Deshalb müssen wir den Vollzug genau überwachen. Sehen Sie das Volksbegehren ein Jahr nach der Annahme noch als Erfolg? Wir haben gemeinsam Großartiges ge- schafft und den Schutz unserer bedroh - ten Tier- und Pflanzenwelt zu einem Topthema gemacht. Unser Volksbe- gehren hat nun ganz konkrete positive Auswirkungen auf den Naturschutz in Bayern. Und es ist wunderbar, wie aus dem Trägerkreis des Volksbegehrens eine vereinte, große bayerische Um- weltbewegung her- vorgegangen ist. Ge- meinsam streiten wir weiter für den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Denn Umweltschutz ist auch Krisenschutz, und die Erdüberhitzung bleibt auch mit Corona die ganz große Herausforde- rung. Als Bündnis müssen wir unsere demonstrierte Stärke weiterentwickeln und den Druck auf die Söder-Regie- rung hochhalten. Wie beurteilen Sie das Engagement der Kommunen, Kirchen und der Ge- sellschaft für mehr Artenvielfalt in Bayern? Positiv ist, dass alle gesellschaftlichen Bereiche ein starkes Umweltschutzbe- wusstsein entwickelt haben. Bei den jüngsten Kommunalwahlen in Bay- ern konnte keine Partei dieses Thema ignorieren – das war ja nicht immer so. Weil jetzt viele mitmachen wollen, ist es wichtig, dass die Staatsregierung fi - nanziell und fachlich unterstützt. Und wir müssen wesentliche Artenschutz- Hemmnisse beiseiteräumen: Land- wirten eine naturnahe, auskömmliche Landwirtschaft ermöglichen, Mobilität kreativer von Bus, Bahn und Fahrrad her denken statt immer nur vom Auto usw. Weiter beschäftigen wird uns die nach wie vor ungebremste Zer- störung unserer Natur und ge- erbten Kulturlandschaft durch den Bau von Umgehungsstra- ßen und Gewerbegebieten. Wie sehen Sie die Situ- ation für die Landwirt- schaft? Wenn alle unzufrieden sind – die Bauern, die Verbraucher, die Um- weltschützer – muss sich etwas ändern. Wei- te Teile der konventionel- len Landwirtschaft sind in der Form nicht zukunftsfähig. Von massiven Subventionen profi - tieren überwiegend die vollme- chanisierten, flächenstarken Betriebe, die möglichst billige Produkte liefern. Die bäuerliche Landwirtschaft braucht eine Zukunftsperspektive. Wir wollen, dass Landwirte ihre Familien gut er- nähren können und gleichzeitig Ge- wässer geschützt und Böden und Klima ge- schont werden. Diese öffentlichen Leistun - gen müssen vergütet werden. Wenn alle in puncto Veränderungs- und Dialogbereitschaft einen Schritt aufeinander zugingen, wäre das ein großer Schritt hin zu ei- nem tragfähigen Bund zwischen Bau- ernstand und Naturschutz. Was würden Sie bei der Umsetzung des Volksbegehrens anders machen, wären Sie an der Regierung? Umwelt- und Artenschutz sind grüne Partei-Gene. In einem grün mitregier- ten Bayern hätte es von Anfang an kein Abwarten gegeben, sondern wir wären aktiv auf alle Akteure – Verbände, Land- wirte, Kommunen, Grundeigentümer – zugegangen und hätten gemeinsam ein breit getragenes Artenschutzgesetz entwickelt. Bürgerinnen und Bürgern hätten wir aufgezeigt, welche Vorteile für alle in einem verbesserten Schutz unserer vielfältigen Tier- und Pflanzen - welt liegen. Und letztlich muss man – wenn man mitregiert – auch mal ste- hen und klar sagen: Diese Regeln sind vereinbart und jetzt so zu vollziehen. Verwässern und aussitzen – wie bei der Kartierung der Streuobstwiesen – das hätte es mit Grün nicht gegeben. Welche Rolle spielen Natur und Arten- vielfalt in Ihrem Leben? Vor über 20 Jahren habe ich mein Frei- williges Ökologisches Jahr geleistet. Da war ich fast jeden Tag, bei jedem Wetter mit einem Förster im Wald. So nah an der Natur ist mir ihre Verwund- barkeit bewusst geworden. Dass wir unsere Natur beschützen müssen für uns und unsere Kinder. Unser einmali- ges Ökosystem mit seinem Artenreich- tum werden wir nur erhalten können, wenn wir alle bereit sind, nicht nur die politischen Rahmenbedingungen zu ändern – sondern auch unser eigenes Verhalten. Ich bin dabei sicher nicht perfekt, aber ich versuche täglich, mei- nen Beitrag zu leisten. FOTOS: BÜRO LUDWIG HARTMANN, HERMANN RUPP „Für uns ist Umweltschutz Leidenschaft“ VOGELSCHUTZ 3|20 37

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