VOGELSCHUTZ 3-20
VOGELSCHUTZ 3|20 35 Wildnis war in unserer Gesellschaft lange Zeit ein negativ belegter Begriff. Er wurde verbunden mit ungezähmter, unordentlicher, mit - unter sogar gefährlicher Natur. Eine Natur, die im Gegensatz zur ge- ordneten und beherrschbaren Kulturlandschaft steht. Doch dieses Bild beginnt sich zu verändern. Zum 50. Geburtstag des National- parks Bayerischer Wald zieht Leiter Franz Leibl für uns eine Bilanz. S chon die Naturbewusstsein-Studie 2013 der Bundesregierung brachte deutlich zum Ausdruck, dass unsere Einstellung zur Wildnis heute mehrheitlich positiv geprägt ist. So erklärten 65 Prozent der Befragten, dass ihnen wilde Natur ge- falle, womit vor allem die Wälder gemeint waren. 42 Prozent waren sogar der Auffas - sung, dass es noch mehr Wildnis in Deutsch- land geben sollte und zwar insbesondere nutzungsfreie wilde Wälder. Wenn wir Wildnis als eine vom Menschen unbeeinfluss - te Landschaft ohne jede be- wusste Nutzung und Pflege verstehen, in der natürliche Prozesse ergebnisoffen ab - laufen dürfen, so finden wir diese vor allem in den 16 Nationalparks Deutschlands. Als überwiegend ungenutzte Räume unterschei- den sie sich mit ihrer Philosophie „Natur Na- tur sein lassen“ grundlegend von anderen Schutzgebietsformen, die einen statisch aus- gerichteten Naturschutz zum Inhalt haben. Sie stellen mit dieser Zielsetzung den Gegen- entwurf zu unserer intensiv genutzten Kul- turlandschaft dar und sie erfüllen auf diese Weise die in Teilen unserer Gesellschaft vor- handene Sehnsucht nach möglichst unbe- rührter Natur. Wildnis zuzulassen ist somit auch als zukunftsorientierter und überzeu- gender Ansatz in der Weiterentwicklung des Naturschutzgedankens zu werten. 60 Prozent sind nationalparkaffin Die Bedeutung von Wildnis ist umfassend, auch für uns Menschen. Zum einen ermög- licht sie eine intensive emotionale Natur- begegnung, zum anderen schafft sie Er - fahrungsräume mit einer Natur, die uns ästhetisch berührt, von der wir lernen kön- nen und mit der sich der eine oder andere auch spirituell verbunden fühlt. Wildnis zu erlauben, ist folglich eine kulturelle Aufgabe und gleichzeitig Ausdruck einer modernen Kultur und unserer kulturellen Entwicklung. Welch hohe Attraktivität beispielsweise deutsche Nationalparks mit ihrer heran- reifenden Wildnis als Erholungs- und Erleb- nislandschaften besitzen, unterstreicht die jährliche Zahl von mehr als 50 Millionen Be- suchern. Allein den vergleichsweise kleinen Nationalpark Bayerischer Wald, der dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, such- ten im letzten Jahr 1,4 Millionen Menschen auf. Viele dieser Besucher besitzen eine hohe Nationalparkaffinität, d.h. es handelt sich um Menschen, die bewusst die wilde Natur dieser Großschutzgebiete aufsuchen und in den Nationalparkregionen Urlaub machen. Im Falle des Nationalparks Bayeri- scher Wald können zwischen- zeitlich fast 60 Prozent der Gäste als nationalparkaffin eingestuft werden. Sie nennen als wichtigste Gründe für ihren Besuch neben Aspekten wie der Suche nach Ruhe und Er- holung auch das spezielle Naturerleben, das die wilden, ungenutzten Wälder des Natio- nalparks bieten. Und wie eine aktuelle Um- frage bei der örtlichen Bevölkerung ergeben hat, sagen 75 Prozent der befragten Einhei- mischen sogar, der Nationalpark erhöhe die Lebensqualität in der Region. Eine Aussage, die letztendlich auch der Wildnisentwicklung in den Nationalparkwäldern geschuldet ist. Man sieht: Wilde Natur hat in unserer Gesellschaft heute eine besonders hohe Be- deutung und Qualität für Freizeitgestaltung, Naturgenuss und für den emotionalen Zu- gang zur Natur. Wildnisgebiete, wie wir sie z.B. in unseren Nationalparks finden, haben demzufolge eine starke soziale Komponen- te. Möchte eine moderne Gesellschaft dem Einzelnen ein gutes Leben ermöglichen, braucht es hierzu auch Räume, die es zulas- sen eine Naturbeziehung aufzubauen und ein Naturbewusstsein zu entwickeln. Sofern wir eine gelingende Naturbeziehung für un- ser Dasein und für unsere Le- bensqualität als notwendig erach- ten, sind Wild- nislandschaften und somit auch Na t i ona l pa r k s auch als ein Akt staatlicher Da- seinsvorsorge zu betrachten. DR. FRANZ LEIBL Leiter der Nationalparkver- waltung Bayerischer Wald E-Mail: franz.leibl@npv-bw.bayern.de FOTO: DR. FRANZ LEIBL Natur Natur sein lassen
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