VOGELSCHUTZ 3-20
E s sind oft die kleinen Begebenheiten, die berühren- den Momente, die das Projekt so wertvoll machen. Schon bei den Auftaktveranstaltungen in den jewei- ligen Pflegeeinrichtungen spricht das Vogelthema manche Zuhörer emotional sehr an. Sie erinnern sich an ihren Obst- garten, den Vogelgesang der Amsel im Frühling, vielleicht auch an den eigenen Wellensittich. Manchmal ist eine er- staunliche Artenkenntnis vorhanden und Menschen, die im Heimalltag kaum sprechen, erzählen etwas. Manchmal wer- den gemeinsam Lieder gesungen wie „Alle Vögel sind schon da“ oder „Die Vogelhochzeit“. Nach dem Startvortrag in der Ein- richtung wird die Futterstation aufge- baut. Am schönsten ist es, wenn die Futtersäule dann gemeinsam befüllt wird. Der große Sack wird von einem zum nächsten getragen und jede*r Bewoh- ner*in füllt eine Tasse Kerne ein. Das ist nicht für jeden ein- fach, manchmal zittern die Hände oder haben keine Kraft. Dann schaffen wir es gemeinsam und das Lächeln, das man bekommt, begleitet einen noch lange. Dass sich das Projekt tatsächlich positiv auf die Heimbewohner auswirkt, bestäti- gen auch erste Ergebnisse einer Begleitstudie der Katholi- schen Universität Eichstätt-Ingolstadt (siehe Interview). Bayernweit beteiligen sich bislang 76 Pflegeeinrich - tungen mit mehreren tausend Bewohner*innen am LBV- Präventionsprojekt. Das geförderte Vorhaben will ältere Menschen dazu ermuntern, im nahen Umfeld ihrer Ein- richtungen Vögel zu beobachten, um dadurch geistig und körperlich aktiv zu bleiben. Hierzu wurden Vogelhäuschen aufgestellt und das Thema Vögel in den Einrichtungen von interessierten und engagierten Betreuer*innen in die Be- schäftigungsangebote einbezogen, denn für eine erfolgrei- che Umsetzung braucht es auch ein motiviertes Team mit Spaß an der Natur und speziell an der Vogelbeobachtung. In Einzel- und Gruppenaktivierungen wird mit dem vom LBV zur Verfügung gestellten Material, wie einem Aufdeckspiel mit Bildkarten oder Plüschvögeln, ge- spielt, geraten und geredet. Warum geredet? Gesprächsimpulse sind auch in der Arbeit mit demenziell erkrank- ten Menschen wichtig, um kognitive Reserven, von denen aus Erinnerun- gen ihren Weg finden können, zu stimulieren. So verbinden viele Menschen mit Vögeln frühere Erinnerungen, wie etwa jene an die frechen Spatzen im Hühnerhof und den Gesang der Amsel auf dem Hausdach frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit. Es geht in diesem Projekt also um weit mehr, als darum Vögel zu füttern und sie zu beobachten. Es geht um eine koordinierte Möglichkeit zur Vogelbeobachtung. Die regelmäßige Beschäftigung mit dem Thema motiviert die Bewohner*innen, die Vögel selbst zu beobachten und kann ihre Mobilität fördern: an einem leicht zugänglichen Platz ist ein gemütlicher Bereich mit Sitzmöglichkeiten einge- richtet. Von hier haben die Senior*innen durch das sogenann- te Vogelfenster einen guten Blick auf die Futterstation. Bereit- Vogelbeobachtung am Fensterplatz in erster Reihe: Draußen lockt die Futterstation die Vögel an. Star FOTOS: INGO RITSCHER (2), PETER BRIA, TOBIAS TSCHAPKA (2) Es geht um weit mehr als Vogelfüttern VOGELSCHUTZ 3|20 11
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