LBV magazin 1-26

Vogel des Jahres 2026 Das Rebhuhn VOGEL- UND NATURSCHUTZ IN BAYERN magazin Vom Tagebau zum Naturjuwel Jubiläum für einzigartiges LBV-Schutzgebiet Vom Ländle lernen Wo unser Nachbar beim Naturschutzgesetz voraus ist Von der Politik betroffen Fördermittel sind für unsere Arbeit unverzichtbar 1|2026

2 LBV MAGAZIN 1|26 Für mehr Informationen bitte einfach den Coupon ausschneiden, ausfüllen und zurückschicken an: LBV-Landesgeschäftsstelle, z. Hd. Herrn Koller Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein E-Mail: gerhard.koller@lbv.de Tel.: 09174 -4775-70 10 Wenn Sie Ihren Nachlass zum Wohle der Natur einsetzen, dann hinterlassen Sie Spuren weit über Ihre Lebenszeit hinaus. Sie tragen dazu bei, nachfolgenden Generationen eine intakte Heimat zu hinterlassen, indem Sie den LBV und/oder die LBV-Stiftung Bayerisches Naturerbe in Ihrem Nachlass bedenken. Denn wir schützen Bayerns Natur erfolgreich seit nunmehr 115 Jahren. Wir behandeln Ihr Anliegen selbstverständlich absolut vertraulich. FOTO: STOCK.ADOBE.COM IHR VERMÄCHTNIS FÜR DIE NATUR! Rücksende-Coupon Der LBV erhebt und verarbeitet Ihre personenbezogenen Daten ausschließlich für Vereinszwecke. Dabei werden Ihre Daten nur für LBV-eigene Informations- und Werbezwecke verarbeitet und genutzt. Dieser Verwendung Ihrer Daten können Sie jederzeit, z.B. an mitgliederservice@lbv.de, widersprechen. Detaillierte Informationen zur Datenschutzerklärung des LBV finden Sie online unter: www.lbv.de/datenschutz ABSENDER Name, Vorname Straße, Hausnummer PLZ, Ort Ja, schicken Sie mir den LBV-Ratgeber Erbschaft. Ja, ich bitte auch um Übersendung der Unterlagen für die Stiftung Bayerisches Naturerbe. Ja, ich kann mir vorstellen, den LBV oder/und die Stiftung in meinem Testament zu berücksichtigen. Ich möchte gerne mehr wissen. Rufen Sie mich an: Tel.: Ich bin am besten erreichbar: Steinkauz

LBV MAGAZIN 1|26 3 das war eine echte Überraschung für mich! Dass Sie so eindeutig das Rebhuhn zum Vogel des Jahres 2026 wählen würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Fast die Hälfte der knapp 200.000 Teilnehmenden (Rekordwert!) haben sich in unserer jährlichen Abstimmung zusammen mit dem NABU für den seltenen Feldvogel ausgesprochen. Dabei war die Konkurrenz dieses Mal besonders hart, sind doch nicht nur die Amsel, sondern auch die Waldohr- und die Schleiereule sehr beliebte bzw. fotogene Vogelarten. In dieser Ausgabe erfahren Sie alles Wichtige und Interessante über den amtierenden Vogel des Jahres, wo man ihn in Bayern noch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit beobachten kann, und auf unseren NAJU-Seiten gibt es sogar ein paar Spiele zum Rebhuhn. Wie gut gesetzlich neu verankerte Naturschutzmaßnahmen laufen können, haben wir uns bei einem zweitägigen Besuch unserer Partner vom NABU Baden-Württemberg angesehen. Die bayerische Politik, die in ihrem Selbstverständnis gerne überall die Nummer eins ist, darf hier durchaus neidisch auf unseren westlichen Nachbarn blicken. In unserer Reportage erfahren Sie, wo bei uns im Freistaat durchaus noch Luft nach oben ist. Liebe Leserinnen und Leser, Überraschungssieger Viel Spaß beim Lesen! Ihr Markus Erlwein Chefredakteur Kurz vor Druckschluss hat uns unsere Jugendorganisation NAJU einen Vorabdruck ihres Jahresflyers mit Highlights aus dem Veranstaltungsprogramm und Auszügen aus dem Jahresmagazin Wildwuchs präsentiert. Weitere Infos unter: naju-bayern.de Wild durchs Jahr EDITORIAL FOTO: HALUK SOYOĞLU Tagesaktuelle Nachrichten finden Sie unter lbv.de/newsletter lbv_bayern lbv.de VOGEL- UND NATURSCHUTZ IN BAYERN LBV magazin

4 LBV MAGAZIN 1|26 6 Im Fokus Der Feldhamster 8 Leserbriefe 9 Kurzmeldungen 10 Standpunkt Dr. Norbert Schäffer 12 Das Rebhuhn Vogel des Jahres 2026 18 Das Rebhuhn in Bayern Den Vogel des Jahres schützen und beobachten 20 Ein Besuch im Ländle Der LBV zu Gast beim NABU Baden-Württemberg 24 LBV-Schutzgebiet Die frühere Bergbaulandschaft „Grubenfelder Leonie“ 26 Spendenaktion Feldvögel in Not! 24 36 Beeindruckende Landschaftsgestalter auf vier Beinen INHALT Gräser im Garten bieten einen wertvollen Lebensraum. INHALT Dieses Druckerzeugnis ist mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. www.blauer-engel.de/uz195 · ressourcenschonend und · umweltfreundlich hergestellt · emissionsarm gedruckt XW1 überwiegend aus Altpapier Sie lesen klimaneutral und umweltfreundlich Titelbild: Rebhuhn von Zdenek Tunka FOTOS: ZDENEK TUNKA, CHRISTOPH BAUER, SIMONE KRACH-KESTIN, LEO RASCH, DR. LISA GILL Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert 26221808 Zu Gast bei Freunden: Was können wir von unseren Nachbarn lernen? 20 12 Alles über das Rebhuhn, den Vogel des Jahres 2026

LBV MAGAZIN 1|26 5 40 Warum Fördermittel im Naturschutz so wichtig für unsere Arbeit sind Einhefter • Spenden-Überweisungsträger • Mitgliederwerbekarte 28 LBV AKTIV 34 NAJU Neues von der Naturschutzjugend 36 Garten Die Wunderwelt der Gräser 38 Aus dem LBV • Ergebnisse der Stunde der Wintervögel • Naturschutz trifft Rockmusik 39 Erbschaft Für immer in guten Händen 40 Politik Warum Fördermittel für Arten- und Biotopschutz unverzichtbar sind 42 LBV-Projekte • Projekt „KomBi“ unterstützt Kommunen • Wildtierschutz vor Mährobotern • Grenzübergreifender Schutz der Schleiereule 44 Umweltbildung Vogelbeobachtung in der häuslichen Pflege 46 Stiftung Erweitertes Angebot 47 Test Ein Fernglas für die Ohren 48 Medien Empfehlungen 50 Impressum und Kontakte 09174-4775-7023 naturshop@lbv.de lbv-shop.de Vogelschutz an Glasflächen. Jetzt einfach und kostengünstig nachrüsten! Um Vogelschlag nachweislich zu reduzieren, hat das Schweizer Unternehmen SEEN AG gemeinsam mit dem LBV und anderen Institutionen aus dem Vogel- und Naturschutzbereich eine innovative und kostengünstige Lösung zur nachträglichen Markierung von Glasflächen entwickelt. Die Vogelschutzmarkierung SEEN Elements macht Glas für Vögel hochwirksam sichtbar und bedeckt dabei weniger als ein Prozent der Scheibenoberfläche. Die AluminiumPunkte haben einen Durchmesser von neun Millimetern und werden im Abstand von neun Zentimetern angebracht. - ANZEIGE - 47 Ein Mikrofon für Vogelstimmen im Test

6 LBV MAGAZIN 1|26 FELDHAMSTER | FOTO: OLENA PFISTER

LBV MAGAZIN 1|26 7 In seinen großen, dehnbaren Backentaschen schleppt der Feldhamster im Spätsommer bis zu fünf Kilo Körner, Hülsenfrüchte und Gräser in seinen Bau. Im Laufe seines sechsmonatigen Winterschlafs wacht er immer wieder auf, um von den gehamsterten Vorräten zu zehren. Wie das Rebhuhn, Vogel des Jahres 2026, ist auch der Feldhamster vielerorts in Bayern bereits verschwunden. Doch wer Glück hat, kann ihn in Teilen Unter- und Mittelfrankens manchmal noch huschen sehen. BEDROHTER FELDBEWOHNER

8 LBV MAGAZIN 1|26 LESERBRIEFE FOTOS: MARIE BRETTSCHNEIDER, ANGELA GLOCKNER, MARGIT STENDER-KRAUSE, ECKHARD SUCK, HANS-PETER SCHWARZENBACH Fast 30.000 Menschen haben in diesem Jahr an der Stunde der Wintervögel in Bayern teilgenommen. Viele berührende, lustige und kuriose Rückmeldungen haben uns im Zuge der Aktion erreicht sowie faszinierende Bilder von der Vogelwelt direkt vor der eigenen Haustür. Die Favoriten der Redaktion: Fotowettbewerb zur Stunde der Wintervögel Ihre Meinung ist uns wichtig! Schreiben Sie uns unter leserbriefe@lbv.de oder per Post an Redaktion LBV magazin, Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein. Die Redaktion behält sich aus Platzgründen eine Auswahl und das Kürzen von Leserzuschriften vor. Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. i Post 80 Kraniche sind über mich geflogen. Das Geräusch hat mich sofort an Vorpommersche Boddenküste erinnert. Hans-Peter S. Wasserralle kommt zum Futterhaus. Wir haben jetzt geschützt unter einem Busch einen Futternapf am Boden, da sie sehr scheu ist. Margit S. Die Rebhühner kommen eigentlich jeden Winter vorbei. Eckhard S. Es ist schön, wenn man sich eine Stunde lang Zeit nimmt, um unsere Vielfalt der Vögel zu beobachten. Eine konzentrierte Stunde macht in der Beobachtung schon viel aus. Das ist nicht nur einmal kurz zum Fenster rausschauen und „aha“ sagen. Daniel H. Ein Mauswiesel (liebevoll Rudolf genannt) ist ständiger Besucher und räumt den Mäusebestand ordentlich auf. Beatrix W. Danke für diese tolle Aktion! Den Menschen wird dadurch wieder bewusst, wie toll die Natur und ihre Bewohner sind. Daniela R. Zehn Waldohreulen saßen gemeinsam in einem sonnigen Baum. Wir haben sie durch unser Wohnzimmerfenster sehen und zählen können. Michaela P. War absolut toll – viele empfanden das als sehr schöne, tolle und auch entspannende Stunde. Klasse 5a, Gymnasium Hilpoltstein Wir sind eine Kindergarten-Gruppe und sind immer noch fleißig am Vögel beobachten und bestimmen. Planetengruppe, Kiga Sonnenblick Wir füttern unter unserem alten Nussbaum seit Jahren den ganzen Winter über Walnüsse. Das haben die Spechte inzwischen raus, sie kommen in großen Mengen, um sich die Nüsse zu holen, mit ihnen um den Baum zu fliegen und sie aufzuknacken. Es ist ein sehr schönes Bild im Winter. Thomas F. Platz 1: Rotdrossel im Beerenglück. Das zeitlose Bild von Marie Brettschneider zeigt eindrucksvoll, wie wichtig fruchttragende Gehölze für Wintervögel sind. Platz 2: Zoff am Futterplatz. Angela Glockner hat diese Blau- und Haubenmeise im perfekten Moment festgehalten.

Gezwitscher Erneut zehn „Blühende Golfplätze“ ausgezeichnet Golf und Naturschutz? Was für viele Menschen zunächst nach einem Gegensatz klingt, hat sich in den letzten Jahren zu einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit entwickelt. Denn Golfplätze verfügen oft über große, für den Spielbetrieb nicht benötigte Flächen, auf denen sich strukturreiche Lebensräume entwickeln können. Mancherorts stellen sie regelrecht grüne Oasen in intensiv landwirtschaftlich genutzten Gegenden oder städtischen Bereichen dar. Im Auftrag des Umweltministeriums und in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Golfverband berät der LBV Golfplatz-Betreiber zur Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen. Werden Mindestkriterien zum Schutz der Artenvielfalt erfüllt, können die Anlagen als „Blühende Golfplätze“ ausgezeichnet werden. Im November konnte Umweltminister Glauber erneut zehn Auszeichnungen überreichen. Somit tragen inzwischen 46 Plätze in ganz Bayern das Prädikat „Blühender Golfplatz“. KURZMELDUNGEN Artenkenntnis als Schlüsselkompetenz Der LBV bietet im Auftrag der Akademie für Natur und Landschaftspflege (ANL) als bayerische Vertretung des Bundesweiten Arbeitskreises der staatlich getragenen Umweltbildungsstätten im Natur- und Umweltschutz (BANU) gemeinsam mit der Bachmann Artenschutz GmbH Zertifikatsprüfungen und Seminare zu Artenkenntnis in „Feldornithologie“ sowie „Tagfalter und Widderchen“ an. In Verbindung mit Exkursionen werden Artenkenntnisse sowie fundierte ökologische und rechtliche Grundlagen in Theorie und Praxis vermittelt und geprüft. Die derzeit angebotenen Bronze-Zertifikate umfassen neben theoretischen Fragen die Bestimmung von 75 Arten anhand von Bildern sowie Stimmen (Ornithologie) bzw. Präparaten (Tagfalter und Widderchen). Silber-Angebote sind in Planung. Infos und Anmeldung unter lbv.de/banu-schmetterlinge und lbv.de/banu-ornithologie. FOTOS: CAROLA BRIA, FRANK DERER, STEFAN MASUR, KATHRIN HAWELKA, DR. OLAF BRODERS Tagung: Wald im Klimawandel Am 17. und 18. April laden wir Sie zu den 7. Bayerischen Biodiversitätstagen ein. Sie finden 2026 an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in Freising statt. Auf unserer Fachtagung informieren die Referentinnen und Referenten zum Thema „Wald im Klimawandel“ und diskutieren mit uns die Herausforderungen, vor denen die Wälder und ihre Bewirtschaftenden stehen. Wichtige Aspekte sind dabei unter anderem Wasserhaushalt, Waldumbau, Artenschutz und Schutzgebiete. Das Programm finden Sie unter: lbv.de/biodivtage Anmeldung unter: eveeno.com/189065464 Dr. Andreas von Lindeiner: biodiversitaetstage@lbv.de Gesucht: Aktive für die Gartenjury Im erfolgreichen Projekt „Vogelfreundlicher Garten“, das der LBV und das Bayerische Artenschutzzentrum im Landesamt für Umwelt gemeinsam durchführen, haben LBV-Ehrenamtliche in den letzten vier Jahren bereits über 7.000 vogelfreundliche Privatgärten in Bayern ausgezeichnet. Im Frühjahr startet die Aktion in eine neue Bewertungssaison, um viele weitere Gartenbesitzendende mit der Plakette zu belohnen, die mehr Naturschutz vor ihrer eigenen Haustür zulassen. Wer Lust hat, bei diesem Projekt als Gartenjurymitglied mitzumachen, kann sich am 18. März 2026 beim Online-Infoabend über dieses Ehrenamt informieren. Die Anmeldung sowie weitere Infos findet man auf der Projektseite vogelfreundlichergarten.de. LBV MAGAZIN 1|26 9 Feldlerche Himmelblauer Bläuling

10 LBV MAGAZIN 1|26 THEMA DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER Wir alle haben Kindheitserinnerungen. Bei den einen liegen diese einige Jahre zurück, bei anderen bereits mehrere Jahrzehnte. Für mich ist eine dieser Kindheitserinnerungen eine Kette von Rebhühnern, die jeden Winter unter einer Holzbank in der Streuobstwiese meiner Eltern Schutz vor Schnee und Eis suchten. Wie große, flauschige Kugeln habe ich diese Vögel in Erinnerung, regelmäßig einfach da, aber doch nicht ganz selbstverständlich. Daher hat mich mein Vater mit großer Begeisterung jeden Winter auf sie hingewiesen, sobald sich die Rebhühner im Garten einfanden. Rebhühner gibt es im Garten meiner Eltern in der Oberpfalz schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Unsere eigenen Töchter, die in ihrer Kindheit oft bei meinen Eltern zu Besuch waren, vermissen diese Rebhühner nicht. Sie haben sie dort niemals gesehen. Darin liegt ein großes Problem im Natur- und Artenschutz: Da der Rückgang unserer Biologischen Vielfalt Stück für Stück vor sich geht, vergessen wir, was wir bereits verloren haben. Ein schleichender, stiller Tod. Wir gewöhnen uns an die „neue Normalität“. Wie dramatisch diese Entwicklung ist, zeigt folgende Vogelartenliste: Blauracke, Brachpieper, Kampfläufer, Kornweihe, Rotkopf- und Schwarzstirnwürger, Trauer- und Lachseeschwalbe, Schreiadler, Zwergschnepfe, Steinsperling – alles in Bayern ausgestorbene Vogelarten. Nicht einmal erfahrene Vogelkundler und Vogelkundlerinnen würden diese Artenliste mit Bayern in Verbindung bringen. Rebhühner als Fieberthermometer für das Leben in der Kulturlandschaft Das Rebhuhn war, ebenso wie beispielsweise der Kiebitz, in meiner Kindheit eine relativ häufige Vogelart. Seither haben wir mindestens 90 Prozent der Bestände dieser Vogelarten in Bayern verloren. Damit waren Rebhuhn und Kiebitz in meiner Kindheit mindestens zehnmal häufiger als heute. Gerade das Rebhuhn ist mir hier sehr wichtig: Als Standvogel und Samenfresser zeigt uns das Vorkommen von Rebhühnern im Winter, dass in einem Lebensraum viele Wildpflanzen vorkommen. Im Sommerhalbjahr fressen Rebhühner auch Insekten und ernähren ihre Jungen ausschließlich davon. Also lässt ein Rebhuhnvorkommen auch auf großen Insektenreichtum schließen. Rebhühner sind hervorragende, sehr aussagekräftige Indikatoren – sozusagen ein Fieberthermometer – für die Biologische Vielfalt in unserer Agrarlandschaft. Und dieser geht es nicht gut! Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass wir unser Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ gewonnen haben. Und tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren eine ermutigende Anzahl von Maßnahmen umgesetzt, wenn auch nicht in einem Umfang, um den Zusammenbruch unserer Biologischen Vielfalt vollständig aufzuhalten und zumindest einen Teil der über die Jahrzehnte verlorenen Artenvielfalt zurückzubringen. Wir haben auf diese gemischte Bilanz immer wieder hingewiesen. Unser Volksbegehren hat – auch das haben wir immer wieder betont – nicht nur in Bayern Wirkung entfaltet. Bei einem Besuch bei NABU-Kolleginnen und -Kollegen in Baden-Württemberg ist mir wieder einmal bewusst geworden, welche Wellen unser Volksbegehren weit über die Grenzen des Freistaats hinaus geschlagen hat. Allein der Hinweis auf ein mögliches Volksbegehren nach bayerischem Vorbild hat in Baden-Württemberg dazu geführt, dass sich die relevanten Akteure an einen Tisch gesetzt und das sogenannte Biodiversitätsstärkungsgesetz entwickelt haben. Viele der Ziele zeigen deutliche Parallelen zu den Zielen des Volksbegehrens in Bayern. Interessant ist auch der Umsetzungsstand: So können wir beispielsweise beim Biotopverbund „im Ländle“ einiges lernen. Unser Bayerischer Streuobstpakt dagegen erzeugt bei unseren Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg regelrechtes Erstaunen, Bewunderung und sogar ein wenig Neid! STANDPUNKT Agrarlandschaft Anzeiger für die Rebhühner sind hervorragende Indikatoren für die Biologische Vielfalt

LBV MAGAZIN 1|26 11 Freiwilliger Natur- und Artenschutz braucht eine zuverlässige Finanzierung In Bayern finden viele Natur- und Artenschutzmaßnahmen auf freiwilliger Basis statt. Während eines Besuchs bei einem Landwirt in Unterfranken, der sich mit großem Einsatz für den Schutz unserer Feldhamster einsetzt, wurde mir dies noch einmal klar vor Augen geführt. Der Landwirt hat die Situation in einem Satz zusammengefasst: „Kein Geld, keine Feldhamster“. Dies ist sogar nachvollziehbar. Wir können unseren Landwirten nicht einfach die Kosten für den Schutz unserer Biologischen Vielfalt auflasten. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Politik die Gelder zur Verfügung stellt und die Gesellschaft die notwendigen Maßnahmen finanziert. Ähnlich wie das Rebhuhn ist übrigens auch der Feldhamster ein wunderbarer und aussagekräftiger Anzeiger für eine artenreiche Agrarlandschaft. Wo es Feldhamster und Rebhühner gibt, fühlt sich auch eine lange Liste von oftmals weniger auffälligen Arten sehr wohl. Vergangenes Jahr mussten wir befürchten, dass im Doppelhaushalt 2026/27 der Etat für den Natur- und Artenschutz deutlich gekürzt wird. In Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern, bei Presseterminen und mit tatkräftiger Unterstützung zahlreicher LBV-Kreisgruppen haben wir uns für eine ausreichende Naturschutzfinanzierung stark gemacht – und wie es heute aussieht, konnten die Kürzungen abgewendet werden. Dies ist eine gute Nachricht und ein Erfolg unserer Arbeit. Der Erhalt unserer Lebensgrundlagen und die Bewahrung unserer Schöpfung dürfen auch bei angespannter Haushaltslage nicht vernachlässigt werden! Uhu und Rebhuhn – LBV-Momente Ende Februar ist die ideale Zeit, um Rebhühner balzen zu hören. Ich habe mir fest vorgenommen, auch dieses Frühjahr Kolleginnen und Kollegen bei der Erfassung von Rebhühnern zu begleiten. Anfang Februar durfte ich mich an der Synchronzählung von Uhus in der Fränkischen Schweiz Dr. Norbert Schäffer beteiligen und sozusagen meine eigenen Daten erheben. In dem mir zugeordneten Kartierungsgebiet konnten meine Frau und ich dann an einer Felswand im tiefverschneiten Wald tatsächlich ein Uhumännchen und ein Uhuweibchen gleichzeitig rufen hören. Ein wunderbares Erlebnis, das uns noch lange in Erinnerung bleiben wird. So etwas nenne ich gerne „LBV-Momente“, für die sich die ganze Arbeit und manchmal der Ärger im Natur- und Artenschutz lohnen. Übrigens wird die Felswand, an der „unsere Uhus“ dieses Jahr brüten, in Rücksprache und mit Zustimmung von Kletterern während der Brutzeit gesperrt. Dies ist Teil unseres Artenhilfsprogramms „Felsbrüter“ mit den Zielarten Wanderfalke und Uhu, das das LfU 25 Jahre finanziert hat. Und das LfU will sich auch zukünftig für den Felsbrüterschutz einsetzen. Die Zusammenarbeit mit den Kletterbegeisterten läuft ganz hervorragend und liefert seit Jahren wunderbare Erfolge. Ein klassisches LBV-Projekt, das mir zeigt: Es geht doch! Ich wünsche auch Ihnen viele derartige LBV-Momente! REBHÜHNER I FOTO: DR. CHRISTOPH MONING Wir können Landwirten nicht einfach die Kosten für den Schutz auflasten Folgen Sie mir auf LinkedIn unter Dr. Norbert Schäffer

THEMA FOTO: ZDENEK TUNKA Das Rebhuhn Botschafter einer lebendigen Feldflur 12 LBV MAGAZIN 1|26

FOTOS: RALPH STURM (2), GUNTHER ZIEGER Eine unverkennbare Stimme der Feldlandschaft steht im Mittelpunkt des Jahres 2026: das Rebhuhn. Wer ihm begegnet, erlebt nicht nur einen scheuen Hühnervogel, sondern eine vielfältige, lebendige Feldflur, in der es summt und brummt. Doch dieser Lebensraum ist selten geworden und mit ihm das Rebhuhn. Wo seine Lebensräume erhalten oder wiederhergestellt werden, profitieren auch unzählige andere Arten – und am Ende auch wir Menschen. Frisch geschlüpft und schon auf Entdeckungstour: Rebhühner haben große Gelege. Im Jugendkleid ist der junge RebhuhnVogel noch gut getarnt in Feld und Wiese. An einem warmen Junimorgen fällt die erste Morgensonne auf einen Feldweg zwischen Wiesen und Äckern. Vom Weg aus eröffnet sich der Blick auf eine abwechslungsreiche Landschaft: breite Blühstreifen voller Hummeln, Schmetterlinge und Käfer, kleine Brachen, in denen sich Wildkräuter ungestört entwickeln können, artenreiche Heckenstrukturen und lichter Ackerbau mit offenen Stellen für bodenbrütende Vogelarten. Immer wieder raschelt es im Gras. Es ist eine Familie aus Rebhühnern, die nach Nahrung Ausschau hält. Sie bewegt sich vorsichtig und immer etwas verborgen, auf der Suche nach Insekten, die sie hier reichlich findet. Währenddessen singen Feldlerchen hoch über den Feldern und Ortolane tragen ihre helle, klare Strophe von den Rändern der Hecken vor. Von einem Heuballen in der Wiese ertönt das monotone „drrrüpp“ der Grauammer. Auf dem nächstgelegenen Lesesteinhaufen zeigt sich kurz ein Neuntöter auf seiner Warte. Lebendige Felder und Äcker Was heute klingt wie eine Utopie, war einst Realität. Bis in die 1980er Jahre sah es vielerorts so aus und das Rebhuhn war ein vertrauter Bewohner der Felder und Wiesen. Im Gäuboden beispielsweise, wo die Donau über Jahrtausende breite Schwemmlandflächen geschaffen hat, nutzten Rebhühner die Altgrasstreifen und deckungsreichen Feldraine, und fanden in Hecken Rückzugsorte. Solche Strukturen wirken auf den Menschen oft unscheinbar, doch sie sind wichtige Bindeglieder. Sie ermöglichen es Tieren, sich im Gelände zu bewegen und bieten ihnen Schutz, Futter und Ruhe. Was für uns nur ein Streifen aus Disteln, Wildkarotten und Rainfarn ist, ist für das Rebhuhn eine Lebensader und Kinderstube. Auch die Strukturen selbst erzählen Geschichten. Feldraine, die vielleicht vor Jahrzehnten der Grenzmarkierung oder Erosionsminderung dienten, sind heute Biotopbänder. Und in den lockeren Staudenfluren LBV MAGAZIN 1|26 13

Im schnellen, flachen Flug auf den ersten Platz Rebhuhn 44,5 % 26,6 % 12,7 % 11,7 % Amsel Waldohreule Schleiereule Zwergtaucher 4,5 % DIE WAHLERGEBNISSE 2026 IM ÜBERBLICK 14 LBV MAGAZIN 1|26 Über 184.000 Menschen haben bei der sechsten öffentlichen Wahl des LBV und seines bundesweiten Partners NABU mitgemacht – ein neuer Rekord. THEMA FOTOS: ZDENEK TUNKA, W. ROLFES (REBHUHN), C. BOSCH (SCHLEIEREULE), O. PROSICKY/BIA (WALDOHREULE), F. DERER (AMSEL, ZWERGTAUCHER)

LBV MAGAZIN 1|26 15 neben dem Weg summt und brummt es. Verschwinden diese Lebensräume, wird auch das Rebhuhn zur Rarität. Symbol einer gesunden Landschaft Das Rebhuhn ist in Deutschland und vor allen Dingen auch in Bayern ein Teil unserer Kultur und steht für die Vielfalt einer vom Menschen geschaffenen Landschaft. Es wird in Liedern besungen und in Gedichten und Geschichten gefeiert. Es ist mehr als nur ein einzelner Vogel. Es ist ein Gradmesser für die Gesundheit unserer Landschaft und ein Symbol für abwechslungsreiche Feldfluren. Wo Blühflächen kleiner werden, Brachstreifen umgepflügt und Hecken entfernt werden, sind Insekten rar und das leise “Kirrr-kirr” des Rebhuhns verstummt – ebenso wie die Rufe vieler anderer Arten. Darüber hinaus ist das Rebhuhn ein sympathischer Vogel. Unscheinbar und gut getarnt findet es in den kleinräumigen Strukturen Lebensraum. Es lebt in lebenslanger Partnerschaft, auch wenn sein Leben oft recht kurz ist. Zudem hat es einen dauerhaften Familienzusammenhalt. Die Küken überwintern mit ihren Eltern im Familienverband, bis im Frühjahr die Balz der Hähne beginnt. Ein Zukunftsbild und ein Auftrag Bereits 1991 wurde das Rebhuhn zum Vogel des Jahres gekürt, um auf seinen dramatischen Rückgang in den 1980er Jahren aufmerksam zu machen. Es wurden Rufe nach einer Zusammenarbeit von Naturschutz, Landwirtschaft und Jägerschaft laut. Alle hatten das gemeinsame Ziel, das Rebhuhn zu fördern, wenn auch mit unterschiedlicher Motivation. So schien eine Lösung nah für eine Landschaft, die nicht nur Nahrung produziert, sondern auch Heimat für Rebhuhn, Ortolan, Grauammer, Feldlerche, Neuntöter und Mensch bietet. Doch 35 Jahre später ist die Lage unverändert dramatisch. Im Bericht zur Bestandssituation der Vögel Deutschlands basierend auf Daten aus dem Zeitraum von 1998 bis 2022 verzeichnen typische Bewohner des Feuchtgrünlands Bestandsabnahmen, darunter das Rebhuhn mit 66 Prozent. Monitoring-Daten aus dem laufenden Projekt „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!“ zeigen einen konstant niedrigen Bestand mit einem durchschnittlichen Bruterfolg von knapp über fünf Jungvögeln pro Paar. In der aktuellen Roten Liste der Brutvögel Deutschlands wird das Rebhuhn weiterhin als „stark gefährdet“ eingestuft, ebenso wie der Kiebitz, der Wachtelkönig und zahlreiche weitere typische Vögel der Agrarlandschaft. Lokal ist das Rebhuhn bereits ausgestorben, und an manchen Orten sind die Populationen so klein, dass ihr Fortbestand auf Dauer unwahrscheinlich ist. Es besteht deshalb dringender Handlungsbedarf. Was wir alle tun können Die erneute Wahl zum Vogel des Jahres 2026 ist ein Appell. Es ist höchste Zeit sich dafür einzusetzen, dass der charakteristische Ruf des Rebhuhns auch in Zukunft noch oder wieder in der Landschaft zu hören ist. Wer helfen will, kann eigene Beobachtungen von Rebhühnern im Rahmen des RebhuhnMonitorings dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) melden, mit dem der LBV zusammenarbeitet. Ebenso hilft eine Flächenpatenschaft für Blühflächen oder Hecken, um geeignete Lebensräume zu schaffen. Kleine naturnahe Bereiche in Gärten und auf dem Land helfen den Insekten und damit indirekt den Küken der Feldvögel. Der LBV unterstützt mit seinem politischen Engagement zudem eine Agrarwende, die die Biologische Vielfalt fördert. Denn dort, wo das Rebhuhn (wieder) ruft, spüren auch wir Menschen, wie gut die Vielfalt der Natur tut. Eine artenreiche Landschaft lädt zum Durchatmen und Entschleunigen ein. Naturschutz ist keine Einschränkung, sondern ein Gewinn für die Lebensqualität. DR. ANGELIKA NELSON Biologin, LBV-Umweltbildung E-Mail: angelika.nelson@lbv.de Ein Rebhuhn-Weibchen durchstreift die Agrarlandschaft. Dick aufgeplustert trotzen Rebhühner dem Winterwetter. „Rufe nach einer Zusammenarbeit wurden laut“ FOTOS: DR. CHRISTOPH MONING (2)

THEMA FOTOS: XXXXXXXXXXXXXXXXXXX Name REBHUHN (Perdix perdix) Verwandtschaft Ordnung der Hühnervögel (Galliformes), Familie der Fasanenartigen (Phasianidae, Glattfußhühner) Merkmale Etwa so groß wie eine Taube, rund 30 cm und 290 bis 470 g schwer; deutlich kleiner als ein Fasan und kurzschwänzig; braun-graues Gefieder mit oranger Kehle und Backen; Weibchen und Männchen sehr ähnlich, Männchen hat zur Balz (Spätwinter) rote Warzen unter den Augen; Henne hat längs- und quergebänderte Deckfedern Lebensraum Ursprünglich Steppen- und Heidelandschaften; in Mitteleuropa heute offene, strukturreiche Agrarlandschaften mit Feldern, Wiesen, Hecken und Brachflächen; tagaktiv; verbringen die meiste Zeit am Boden auf Nahrungssuche Nahrung Altvögel: vorwiegend pflanzlich mit Wildkräutersamen, Pflanzengrün, Getreidekörnern; Küken in den ersten Lebenswochen: fast ausschließlich Insekten und deren Larven Stimme und Laute Namensgebender Alarmruf: durchdringendes „rep-rep-rep“; bei Balz und Reviermarkierung der Männchen: schnarrendes „girr-häää“; beim Auffliegen: burrendes Fluggeräusch Brutbiologie Monogam, Nest am Boden in höheren Grasstrukturen, an Feldrainen, unter Hecken; legt von April bis August große Gelege mit 10–20 Eiern, meist etwa 15 Eier, die in ca. 25 Tagen ausgebrütet werden; Nestflüchter bleiben im Familienverband (sog. Kette) zusammen, v.a. im Winter zu beobachten; hohes Reproduktionspotenzial; bei günstigen Bedingungen können Bestände aufgrund großer Gelege schnell anwachsen Zugverhalten Standvogel Verbreitung Von Westeuropa bis Zentralasien; in Nordamerika und Neuseeland eingebürgert Bestand Weltweit nicht gefährdet, aber in Europa (v.a. GB, D und Bayern) stark rückläufig Gefährdung Verlust von Lebensraum (Feldraine, Brachen) und Nahrung durch Intensivierung der Landwirtschaft mit Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln ebenso wie durch das Umwandeln von Wiesen, Äckern, Brachflächen oder Hecken in Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen (Flächenfraß); Prädation durch Füchse v.a. in der eintönigen, strukturarmen Landschaft Steckbrief Auf der Hut im Feld: Einer hält wachsam Ausschau, während die anderen fressen. 16 LBV MAGAZIN 1|26 FOTOS: ZDENEK TUNKA, DR. CHRISTOPH MONING (2), JOSEF BAUMGARTNER (2), ROSL RÖSSNER, OLENA PFISTER, MARKUS GLÄSSEL, GUNTHER ZIEGER, DIETER HOPF

Symbol in der Volkskultur Das Rebhuhn steht in der Volkskultur für Heimatverbundenheit, Ackerbau und bäuerliches Leben. Aufgrund seiner vielen Nachkommen und der Bildung großer Trupps im Winter gilt es zudem als Sinnbild für Fruchtbarkeit und Gemeinschaft. Auch im bekannten Volkslied Ein Vogel wollte Hochzeit machen kommt das Rebhuhn vor – dort „wollt’ es zu der Hochzeit gar nichts tun“. Schon gewusst? Das Rebhuhn ist weit mehr als ein seltener Feldvogel – es steht für bäuerliche Tradition, Brauchtum und Volkskultur. Zugleich ist es ein Spiegel der Biologischen Vielfalt unserer Agrarräume. Fünf spannende Fakten zum Vogel des Jahres. Spiegelbild der Biodiversität Historisch gesehen war das Rebhuhn ein Indikator für die Biodiversität in der Agrarlandschaft, da es strukturreiche Felder mit Hecken, Brachflächen und Feldrainen benötigt. Wo Rebhühner vorkommen, sind auch viele andere Arten der Agrarlandschaft zu finden, beispielsweise Feldlerche, Wachtel, Sumpfrohrsänger, Goldammer, Grauammer, Wachtelkönig und Feldhamster sowie eine Vielzahl an Insekten. Feldlerche Wachtel Sumpfrohrsänger Goldammer Grauammer Wachtelkönig Feldhamster Delikatesse des Adels Das Rebhuhn war ein beliebtes Wildgericht in Bayern, das oft zusammen mit saisonalen Feldfrüchten serviert wurde. Es war eine begehrte Jagdbeute des Adels und eine Delikatesse für Gourmets. Aufgrund starker Bestandsabnahmen in ganz Europa wird das Rebhuhn heute bei der Jagd oft durch das Rothuhn (Alectoris rufa) ersetzt. So werden beispielsweise in Frankreich jährlich große Zahlen gezüchteter Vögel zur Jagd ausgesetzt. Naturschutz und kulturelles Erbe Die Schutzprojekte, die in Folge des dramatischen Rückgangs der Rebhuhn-Bestände in den letzten Jahrzehnten gestartet wurden, verbinden Artenschutz mit dem Erhalt der Kulturlandschaft. Sie bewahren nicht nur die Tiere selbst, sondern auch traditionelle Feldstrukturen wie alte Streuobstwiesen, Feldraine und Hecken, die auch kulturell von Bedeutung sind. Ein wirksamer Rebhuhnschutz gelingt nur in enger Zusammenarbeit von Naturschutz, Landwirtschaft und Jägerschaft. Gut verstecktes Gelege Bäuerliche Jagdtradition Als jagdbare Art unterliegt das Rebhuhn dem deutschen Jagdrecht. Besonders in ländlichen Regionen Bayerns wurde und wird es während der gesetzlichen Jagdzeit vom 1. September bis 31. Oktober traditionell bejagt. Es gilt als Symbol für die vielfältig genutzte Kulturlandschaft und den klassischen Zugang zu Wild in der offenen Feldflur und ist daher auch häufig auf Gemälden zu finden, die eine idyllische Feldflur zeigen. ILLUSTRATION: AUF DER HÜHNERJAGD - NACH DEM GEMÄLDE VON JOSEF SCHMITZBERGER, REPRODUKTION FRANZ HANFSTAENGL, MÜNCHEN LBV MAGAZIN 1|26 17

18 LBV MAGAZIN 1|26 FOTO: ZDENEK TUNKA Weibliches Rebhuhn Das Rebhuhn in Bayern Um die derzeit geringen Bestände des Rebhuhns in Bayern zu erhöhen, werden bereits gezielt Projekte umgesetzt. Sie sollen sicherstellen, dass der Vogel des Jahres 2026 künftig wieder häufiger im Freistaat beobachtet werden kann. Wir geben einen Überblick über die aktuelle Verbreitung des Rebhuhns sowie über laufende Schutzinitiativen in verschiedenen Regionen Bayerns. VON DR. ANGELIKA NELSON THEMA So gelingt erfolgreicher Schutz Mit den richtigen Schutzmaßnahmen können Rebhuhnzahlen innerhalb weniger Jahre deutlich ansteigen. Denn Rebhühner haben sehr große Gelege. Die wichtigsten Maßnahmen sind: den Einsatz von Pestiziden reduzieren; dadurch finden die Küken ausreichend Insektennahrung Strukturen wie Feldraine, Brachen, Säume von Hecken und mehrjährige Blühflächen schützen und neu schaffen; sie dienen als Brut- und Versteckmöglichkeiten Fressfeinde wie Füchse kontrollieren Den Vogel des Jahres schützen und beobachten

LBV MAGAZIN 1|26 19 FOTO: GUNTHER ZIEGER „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!“ in Oberfranken In den Landkreisen Coburg, Kronach und Lichtenfels werden in einem Kooperationsprojekt der Ökologischen Bildungsstätte Oberfranken, des LBV und der Wildland-Stiftung Bayern im Rahmen des bundesweiten Projektes „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!“ (2023–2029) die Bestände des Rebhuhns durch die Anlage von Blühflächen verbessert. Wiederansiedlung bei Regensburg Dank eines Wiederansiedlungsprojekts der LBV-Kreisgruppe Regensburg zusammen mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) können im Wildlebensraum-Modellgebiet Lappersdorf wieder Rebhühner beobachtet werden. „Natur. Vielfalt. Arten” Markt Tännesberg Das Rebhuhn-Projekt in Tännesberg hat bereits seit 1999 zum Ziel, durch eine vielfältige, extensiv bewirtschaftete Agrarlandschaft geeignete Lebensräume für das stark gefährdete Rebhuhn zu schaffen. Alte Getreide- und Kartoffelsorten werden ohne Dünger und Pestizide angebaut, Feldstrukturen erhalten und regionale Produkte vermarktet. Pilotprojekt im Altmühltal In einem Pilotprojekt, das auf einer Machbarkeitsstudie des LBV für ein bayernweites Rebhuhn-Projekt basiert, konnten voriges Jahr im Altmühltal im Rahmen eines GlücksSpirale-Projekts erste praktische Maßnahmen zum Schutz des Rebhuhns umgesetzt werden. An dem Projekt waren Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft und Jägerschaft beteiligt. Verbesserter Lebensraum in den Donauniederungen Im Landkreis Straubing-Bogen setzt sich der Landschaftspflegeverband dafür ein, die landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Donauniederung zu verbessern, um das Rebhuhn zu unterstützen. Dazu werden spezielle Maßnahmen getroffen, die dem Vogel helfen, und Fressfeinde des Rebhuhns werden besser kontrolliert. Grundsätzlich können Rebhühner in Deutschland das ganze Jahr über angetroffen werden. Aufgrund ihrer Tarnung sind sie jedoch nicht immer leicht zu entdecken. Man kann sie besonders während der Balzzeit, die von Ende Februar bis in den März hinein andauert, antreffen. Dann sind die männlichen Rebhühner nach Einbruch der Dämmerung, wenn es noch etwas hell ist, besonders aktiv und werben rufend um Partnerinnen. Aber auch im Winter, wenn die Hühnervögel in Familienverbänden in großen Gruppen unterwegs sind, kann man sie in der winterlichen, strukturärmeren Landschaft sehen. Am besten beobachtet man Rebhühner in Deutschland im nordwestdeutschen Tiefland sowie in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In Bayern liegen die Verbreitungsschwerpunkte in Nordbayern sowie in der Region um die Donau und in Niederbayern, denn Rebhühner bevorzugen waldarme, offene Landschaften in tieferen Lagen. Tipps zur Beobachtung Männliches Rebhuhn RebhuhnVorkommen

LBV-Vorsitzender Dr. Norbert Schäffer (l.) und Johannes Enssle, NABU-Landesvorsitzender Baden-Wüttemberg LBV zu Gast beim NABU Baden-Württemberg 2019 setzte das Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“, initiiert auch vom LBV, ein starkes Signal weit über Bayern hinaus. Inspiriert vom Erfolg aus dem Nachbarland mündeten ähnliche Forderungen in Baden-Württemberg im Biodiversitätsstärkungsgesetz, einer gemeinsamen Vereinbarung von Naturschutz, Politik und Landwirtschaft. Ein Besuch bei verschiedenen Akteurinnen und Akteuren im „Ländle“ zeigt: Wo können wir voneinander lernen und wie bringen wir gemeinsam den Schutz der Biologischen Vielfalt weiter voran? REPORTAGE Expedition Vielfalt Ein Besuch im Ländle 20 LBV MAGAZIN 1|26 FOTOS: FRANZISKA BACK (2)

Vertreter von LBV, NABU und Regierung staunen über die Blühvielfalt auf den Honhardter Demeterhöfen. Artenschutz auf dem Acker Wenn Julian Klopfer über seine Felder geht, spricht er nicht zuerst über Ertrag, sondern über Zusammenhänge. Über Kreisläufe, Bodenleben, über Schwalben, die dieses Jahr später kamen als sonst. Der Demeterbetrieb mit eigener Käserei, muttergebundener Kälberaufzucht und Direktvermarktung wirkt wie ein Gegenentwurf zu industrialisierten Agrarstrukturen. Dahinter steckt eine tiefe Überzeug des jungen Landwirts – doch seine Wirtschaftsweise zahlt auch auf politische Ziele ein. Neben dem Ausbau der Bio-Landwirtschaft will Baden-Württemberg zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche als Refugialräume für Artenvielfalt sichern. Ein gesetzlich verankertes Ziel, das es in Bayern so nicht gibt. Dort setzt die Staatsregierung allein auf freiwillige Förderprogramme. Doch das ehrgeizige 10-Prozent-Ziel im Ländle hat einen klaren wissenschaftlichen Hintergrund: Nur wenn genügend Raum geschaffen wird, kann der Rückgang vieler Arten gestoppt werden. Julian und seine Familie zeigen, wie es gehen kann: mehrjährige Blühflächen, strukturreiche Ackerränder, Licht- und Rohbodenstellen, kleine Niederhecken oder Bereiche für Ackerwildkräuter kommen Insekten, Feldvögeln und Kleinsäugern zugute. Für Julian sind diese Flächen keine Verluste, sondern Investitionen. „Wenn wir Landwirtschaft zukunftsfähig machen wollen, dürfen wir nicht nur für die nächsten zwei Jahre denken“, sagt er, „sondern für die nächsten Generationen.“ Bio auf dem Teller Wie viel Leidenschaft in der Kantine eines Unternehmens stecken kann, zeigt ein Mittagessen in der Bio-Kantine von Kärcher in Obersontheim. Küchenchef Steffen Heintel erzählt, dass am Anfang der Wunsch nach mehr Regionalität stand. Das passte gut zu dem familiengeführten Unternehmen, das sich der Region stark verbunden fühlt. Doch dabei blieb es nicht. Heute landen überwiegend bio-regionale Mahlzeiten auf den Tellern der Mitarbeitenden. Viele Zutaten kommen inzwischen direkt von Landwirtinnen, Landwirten und Verarbeitern aus der Umgebung. Sowohl in Bayern als auch in Baden-Württemberg hat sich die Staatsregierung zu mehr biologischen und regionalen Produkten in landeseigenen Kantinen verpflichtet. Neben staatlichen Einrichtungen braucht es aber auch Unternehmen, deren Gemeinschaftsküchen mitziehen. Nur so kann der Ausbau der ökologisch bewirtschafteten Flächen gelingen. Regionalmanagerin Tamara Rogalski von der Bio-Musterregion Hohenlohe unterstützt Küchen, die eine solche Umstellung wagen wollen. „Kärcher zeigt wunderbar, was möglich ist, wenn ein Unternehmen mit Eigeninitiative und Freude an guter Küche vorangeht“, sagt sie. Gleichzeitig zeigt der Besuch bei Kärcher, wo die entscheidenden Hebel liegen. Unternehmen müssen bereit sein, ihre Kantinen finanziell zu tragen, und Küchenchefs brauchen Wissen, Motivation und Freiraum, um neue Ideen umzusetzen. Bei Kärcher zahlen die Mitarbeitenden nur den Warenanteil, die übrigen Kosten übernimmt das Unternehmen. Das erleichtert die Umstellung erheblich. „Und schmecken muss es natürlich“, weiß Steffen Heintel. LBV MAGAZIN 1|26 21 FOTOS: HANNA MATTHEIS (2) Bio-Landwirt Julian Klopfer

REPORTAGE Lebensraum in der Kommune Der Biotopverbund gilt als eines der wichtigsten Instrumente im Naturschutz. Gemeint ist ein Netzwerk aus Lebensräumen, das Tieren und Pflanzen ermöglicht, sich auszubreiten, neue Gebiete zu erreichen und auf Veränderungen zu reagieren. Baden-Württemberg hat sich verpflichtet, bis 2030 auf 15 Prozent der Offenlandfläche solche geeigneten Lebensräume und Verbindungen zu schaffen. Auch in Bayern ist dieses Ziel durch das Volksbegehren verankert. Wie ein funktionierender Biotopverbund entstehen kann, zeigt der Besuch in der Gemeinde Michelbach an der Bilz. Hier begleitet Jakob Raidt vom Landschaftserhaltungsverband Schwäbisch Hall als Biotopverbund-Botschafter die kommunale Planung. Die Gemeinde lässt ihren Biotopverbund professionell erarbeiten, eine Investition von 60.000 bis 100.000 Euro, die zu 90 Prozent vom Land gefördert wird. Ein hoher Betrag, der jedoch den Einstieg erleichtert und eine Grundlage für spätere Maßnahmen schafft. Jakob Raidt weiß, wie wichtig es ist, Zielarten und ihre Bedürfnisse genau zu kennen. Nur so lässt sich nachvollziehen, warum an einem Standort eine Hecke entstehen oder erhalten werden soll, an einem anderen eine Feuchtfläche oder eine extensiv gepflegte Wiese. „Wir müssen rausgehen, schauen, welche Arten tatsächlich vorkommen und was diese Flächen brauchen“, sagt er. „Biotopverbund entsteht nicht am Schreibtisch.“ In Michelbach führte genau dieser Blick vor Ort beispielsweise dazu, eine seltene Magerwiese zu erkennen, die nun mit Schafen gepflegt wird. Während in Baden-Württemberg jede Kommune verpflichtet ist, ihren Biotopverbund zu planen, werden Bayerische Städte und Gemeinden beim Thema Biotopverbund bisher nicht einbezogen. Vielmehr wurden bestehende Flächen für die Zielerfüllung zusammengerechnet. Neue Lebensräume entstehen dadurch nur langsam. Trotzdem bleibt der Biotopverbund auch im Nachbar-Bundesland eine Herausforderung. Denn die spätere Umsetzung der erstellten Pläne gelingt nur, wenn Bauhöfe, Flächenbewirtschafter und Kommunen eng zusammenarbeiten. Biodiversität am Straßenrand Am Straßenrand bei Sanzenbach stehen hohe verblühte Stauden und dichte Brombeerbüsche. Was für manche unordentlich wirkt, bietet Insekten Schutz, Nahrung und Rückzugsräume. „Mit Sicherheit ersetzt das hier kein Naturschutzgebiet, aber es ist auf jeden Fall besser als jedes Jahr alles kurz und sauber zu mulchen“, erklärt Dietmar Stütz vom Straßenbauamt. Er und sein Team sind im Landkreis Schwäbisch Hall für das Grün entlang von Bundes-, Kreis- und einigen Landstraßen zuständig und achten dabei auch auf eine ökologische Pflege. So können Straßenränder zu wertvollen Verbindungen zwischen Lebensräumen werden. 22 LBV MAGAZIN 1|26 Biotopverbund-Botschafter Jakob Raidt Ein Teil des Grüns am Straßenrand bleibt stehen, nur abschnittsweise wird gemulcht. Zwischen sanften Hügeln spannen Hecken und Gehölze ein grünes Lebensraum-Netz. FOTOS: FRANZISKA BACK (2), HANNA MATTHEIS Dietmar Stütz, Landratsamt Schwäbisch Hall

Mut in der Landwirtschaft Jonas Niebel steht am Feldrand und schaut über seine Schläge. Bio ist sein Betrieb nicht, aber er will so nachhaltig arbeiten, wie es unter seinen Bedingungen möglich ist. „Ich will nicht mehr Pflanzenschutz einsetzen, als unbedingt sein muss“, sagt er. Statt zu pflügen arbeitet er mit Direktsaat, probiert Untersaaten, Methoden wie Lebendmulch und verschiedene Drillverfahren aus, sogar neue Technik wie Drohnen testet er. „Ich experimentiere gern, manche denken dann, ich bin verrückt“, meint er und grinst. Sein Hof in Kupferzell fungiert als Demobetrieb. Diese Betriebe zeigen in der Praxis, wie Ackerbau mit weniger Pestiziden funktionieren kann und welche Maßnahmen sich bewähren. Zusätzlich sorgt das Programm Integrierter Pflanzenschutz plus (IPS+) in Baden-Württemberg dafür, den Pestizideinsatz in Naturschutzgebieten zu reduzieren. In allen Schutzgebieten gelten dort strengere Regeln für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Für wichtige Kulturen ist festgelegt, was Betriebe auf jeden Fall tun müssen und aus welchen zusätzlichen Maßnahmen sie wählen können. Die Umsetzung wird dokumentiert und kontrolliert. Für das Ziel, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 um 40 bis 50 Prozent zu senken, ist diese Kombination entscheidend: Demobetriebe wie der von Jonas Niebel, die mutig ausprobieren, was mit weniger Mitteln geht, und klare Vorgaben wie IPS+, die Mindeststandards setzen. Viele Wünsche für Streuobstwiesen Auf den Wiesen um Kirchberg an der Jagst biegen sich die Äste der alten Apfelbäume unter der Last der Früchte. Hier pflegt die örtliche NABU-Gruppe Streuobstbestände und hat in den vergangenen Jahren rund 300 neue Hochstämme gesetzt. Aus den Äpfeln wird unter anderem der „Grünspecht“-Apfelsaft gekeltert, der die Arbeit der Gruppe mit ihren 500 Mitgliedern mitfinanziert. Hannes Bürkmann vom Büro für Regionalentwicklung, studierter Landwirt und im Streuobst engagiert, kennt die Stärken dieser Landschaft genau. Streuobstwiesen sind Lebens- und Kulturraum in einem und liefern regionale Produkte. Trotzdem fühlt sich die Förderung in BadenWürttemberg für viele eher zäh an. Es gibt zwar eine Schnittförderung, sogar für Ehrenamtliche ohne Qualifikationsnachweis, doch der bürokratische Aufwand ist hoch. Zudem sind Gelder für die Pflege und den Erhalt von Streuobstbäumen deutlich geringer als in Bayern. Eine landesweite Streuobstkonzeption existiert, ist aber nicht mit ausreichenden Fördermitteln hinterlegt. „Man hat oft das Gefühl, dass dem Land das egal ist“, sagt Hannes Bürkmann. „Viele, die sich für Streuobst engagieren, schauen aufmerksam nach Bayern, wo der Streuobstpakt mit klaren Zielen und guter Förderung bereits vieles voranbringt, was man sich in Baden-Württemberg ebenfalls wünscht.“ LBV MAGAZIN 1|26 23 Zu Besuch auf der Streuobstwiese der NABUGruppe Kirchberg Regionalmanager Hannes Bürkmann FOTOS: HANNA MATTHEIS, FRANZISKA BACK FRANZISKA BACK Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Landesgeschäftsstelle Hilpoltstein E-Mail: franziska.back@lbv.de

SCHUTZGEBIET FOTO: CHRISTOPH BAUER Die frühere Bergbaulandschaft „Grubenfelder Leonie“ Urige Landschaftsgestalter Bereits im 13. Jahrhundert siedelten sich um Auerbach die ersten Eisenhütten an. Anfang der 1970er Jahre wurde mit der „Leonie“ die größte Erzlagerstätte der Oberpfalz erschlossen. Doch nur wenige Jahre später führte der Konkurs der Maxhütte zur Schließung des letzten Eisenerzbergwerks in Deutschland. Die Stadt Auerbach erwarb die Flächen. Das gesamte Areal war aber wie ein Schweizer Käse durchlöchert und konnte daher nicht anderweitig genutzt werden. Für Tiere und Pflanzen war dies ein Glücksfall und der Beginn einer großen Erfolgsgeschichte. 1995 kaufte der LBV die ersten 69 Hektar der „Grubenfelder Leonie“. Bereits ein Jahr später wurde das Gebiet unter Naturschutz gestellt. Nach weiteren fünf Jahren, 2001, wurde die „Leonie“ als FFH-Gebiet ausgewiesen. Aufgrund der Artausstattung ist sie von überregionaler bis landesweiter Bedeutung. Der LBV betreut um die „Leonie“ herum weitere 30 Hektar Biotopflächen für den Bayerischen Naturschutzfonds und setzt auch hier naturschutzfachliche Entwicklungsmaßnahmen um. Die „Grubenfelder Leonie“ weist eine sehr vielgestaltige Topografie auf. Wald und Offenland halten sich etwa die Waage. Der östliche Teil des Geländes ist bewaldet und nur von einzelnen Wiesen durchzogen. Hier geben die Rothirsche aus dem nur wenige hundert Meter entfernten Übungsplatz Grafenwöhr ihren Einstand. Wo die Bodenverhältnisse etwas frischer sind, konnten sich in den offenen Bereichen magere Flachlandmähwiesen entwickeln. Der vor 25 Jahren renaturierte Speckbach mit dem neu entstandenen Bibersee an der ehemaligen Bundesstraße 470 teilt das Gebiet in zwei Hälften. Der westliche Teil ist von Heckenstrukturen und Kalktrockenrasen geprägt. Dazu gesellen sich eindrucksvolle alte Obstbäume. Die ehemaligen Einsturztrichter des Erzabbaus haben sich mit Wasser gefüllt und sind über die Jahre zu wertvollen Feuchtbiotopen geworden. Hier tummeln sich Gelbbauchunken, Kamm- und Bergmolche sowie Laubfrösche. Der Strukturreichtum der „Grubenfelder Leonie“ zeigt sich insbesondere auch an der Vogelwelt. Insgesamt sind Während aufgelassene Kiesgruben oft zu Freizeitparks werden, entstand aus einem ehemaligen Erztagebau in der Oberpfalz ein einmaliges Naturjuwel. Vor 30 Jahren wurde die „Grubenfelder Leonie“ bei Auerbach im Kreis Amberg-Sulzbach zum Naturschutzgebiet erhoben. 24 LBV MAGAZIN 1|26

FOTOS: CHRISTOPH BAUER (2), WOLFGANG NERB Die urigen Heckrinder leben ganzjährig auf der Weide. Sie halten die wertvollen Wiesenflächen offen. Oben: erwünschte Landschaftsgestaltung durch den Biber Unten: Teameinsatz – gemeinsam rücken Helfer dem Jakobskreuzkraut zu Leibe. bisher 73 Vogelarten erfasst, 21 davon stehen auf der Roten Liste. Charakteristischer Vertreter der strukturreichen Flächen im Westen ist der Neuntöter, der auf „Leonie“ sehr stark vertreten ist. Auch der vom Aussterben bedrohte Wendehals und das Schwarzkehlchen fühlen sich hier wohl. Verschwunden ist dort jedoch der Vogel des Jahres, das Rebhuhn. Die letzte Sichtung liegt mehr als 20 Jahre zurück. Seit 25 Jahren übernehmen Heckrinder die Beweidung der Flächen. Die Rasse entstand in den 1930er Jahren und gilt als Rückzüchtung des ausgestorbenen Auerochsen, der auch Wappentier der Stadt Auerbach ist. Als natürliche Landschaftspfleger halten die Rinder die wertvollen Strukturen offen. Ihre Trittspuren schaffen optimale Lebensbedingungen, unter anderem für Wildbienen wie die Gebänderte Pelzbiene oder die Dunkle Zweizahnbiene. Außerdem wurden 23 Heuschreckenarten im Schutzgebiet erfasst. Die Hälfte aller bayerischen Fledermausarten kommt auf der „Leonie“ vor. Die Rinderherde umfasst aktuell 40 Tiere sowie den Deckbullen Amor, der regelmäßig für Nachwuchs sorgt. Wolfgang Wiesent, Vorsitzender des Weideprojekts Leonie e.V., kümmert sich täglich um die Tiere. Jedes Jahr im Spätherbst werden 12 bis 15 Jungtiere auf der Weide geschlachtet. Das Fleisch ist bei Feinschmeckern sehr begehrt. Aufgrund der Größe von 85 Hektar zusammenhängender Fläche kann hier ab April 2026 eine Eigenjagd gebildet werden. Der LBV wird dann die jagdliche Bewirtschaftung des Schutzgebiets übernehmen. Dort wird grundsätzlich nur bleifrei geschossen, Vögel werden nicht bejagt. Die „Leonie“ ist neben dem „Rainer Wald“ die zweite Eigenjagd, auf der der LBV das Jagdmanagement selbst in die Hand nimmt. Interessierte Besucherinnen und Besucher können das Schutzgebiet über die „Ochsentour“, einen ausgewiesenen Wanderweg mit Infotafeln, auch selbst erkunden. CHRISTOPH BAUER Dipl.-Forsting. (Univ.) Leiter Bezirksgeschäftsstelle Oberpfalz und Vogel- und Umweltstation Regenstauf E-Mail: christoph.bauer@lbv.de Zur LBVWebseite „Grubenfelder Leonie“ LBV MAGAZIN 1|26 25

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