FOTOS: REINHARD GATZ/PROJEKT VOGELFREUNDLICHER GARTEN, DR. EBERHARD PFEUFER Es lebe die Pocket-Prärie Eine der schönsten Sommerfreuden sind blühende Gräser an Wegrändern, Säumen und auf Wiesen, wenn der Wind sie in Wellen kräftig bewegt und aus den grünen Wogen Heuschrecken ihren Gesang hören lassen. Außer den geplagten Pollenallergikern wird das wohl jeden Naturfreund begeistern. Aber wo finden sich noch Grasflächen, die ein paar Monate lang ungestört wachsen dürfen? Meist fallen sie einem fragwürdigen Ordnungssinn zum Opfer, ob auf privaten oder kommunalen Flächen, oder enden schnell als Heu zum Verfüttern. Dabei sind extensiv gepflegte Grasareale Hotspots der Artenvielfalt, besonders für die geplagte Insektenwelt. Dazu können unsere Gärten und kommunalen Grünflächen einen wichtigen Beitrag leisten, ob als Mini-Savanne im Vorgarten oder Pocket-Prärie im Stadtpark. Auf ihre Vielzahl kommt es an, damit sie als ökologische Trittsteine die städtische Biodiversität bereichern. Aufgrund der genialen Fähigkeiten von Gräsern sind sie wie geschaffen für die auch bei uns zunehmenden Wetterextreme. Erfreulicherweise hat die Gartenkultur in Europa dies alles in den letzten Jahren zunehmend erkannt, und mittlerweile bieten immer mehr naturnah orientierte Gartenbaubetriebe heimische Wildgräser an, nicht nur als Saatgut, sondern auch als fertige Pflanzen. Einfach mal wachsen lassen Wer hier nicht investieren möchte, kann ganz einfach ein lohnendes Experiment machen, das ich seit zwei Jahren vor meinem Balkon mit Freude beobachte. Dort sparte die Gartenfirma der Hausverwaltung auf meine Bitte eine kleine Fläche beim Mähen aus. Prompt war dies im folgenden Sommer die einzige Stelle auf unseren Grünflächen, aus der das Zirpen von Heuschrecken ertönte. Besonders die Gruppe der Kurzfühlerschrecken ernährt sich vorwiegend von Gräsern, und die Raupen von mindestens 30 Schmetterlingsarten fressen ausschließlich an Gräsern, unter ihnen fast alle Augenfalter wie Schachbrettfalter, Ochsenauge, Dickkopffalter oder Waldbrettspiel. Das Landreitgras, das Pfeifengras, die Fiederzwenke und die Waldsegge gehören dabei zu den Raupen-Futtergräsern, die von den meisten Raupenarten besucht werden. Sehr wichtig: Damit die im Sommer an die Gräser gelegten Insekteneier überleben können, darf die Fläche bis zum folgenden Februar/März nicht gemäht werden. Als willkommene Nebenwirkung fällt nicht nur die deutlich seltener anfallende Mäharbeit ins Gewicht, sondern auch der Zierwert der Fläche bleibt um mehrere Monate erhalten, selbst wenn Blüten und Herbstfärbung längst verblasst sind. Spannend ist auch zu beobachten, welche sonstigen im Boden schlummernden Pflanzen jetzt ihre Chance bekommen und die Vielfalt bunter machen: Margeriten, Braunellen, Löwenzahn, Feinstrahl, Wegerich und Co. haben sich schon in „meiner Oase“ eingefunden. ILONA ZIFFUS Ehrenamtliche Naturschützerin beim NABU Dinslaken und der Biostation Kreis Wesel LBV MAGAZIN 1|26 37 Rote Keulenschrecke Auch im Garten bieten Gräser wichtige Lebensräume.
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