LBV magazin 1-26

10 LBV MAGAZIN 1|26 THEMA DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER Wir alle haben Kindheitserinnerungen. Bei den einen liegen diese einige Jahre zurück, bei anderen bereits mehrere Jahrzehnte. Für mich ist eine dieser Kindheitserinnerungen eine Kette von Rebhühnern, die jeden Winter unter einer Holzbank in der Streuobstwiese meiner Eltern Schutz vor Schnee und Eis suchten. Wie große, flauschige Kugeln habe ich diese Vögel in Erinnerung, regelmäßig einfach da, aber doch nicht ganz selbstverständlich. Daher hat mich mein Vater mit großer Begeisterung jeden Winter auf sie hingewiesen, sobald sich die Rebhühner im Garten einfanden. Rebhühner gibt es im Garten meiner Eltern in der Oberpfalz schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Unsere eigenen Töchter, die in ihrer Kindheit oft bei meinen Eltern zu Besuch waren, vermissen diese Rebhühner nicht. Sie haben sie dort niemals gesehen. Darin liegt ein großes Problem im Natur- und Artenschutz: Da der Rückgang unserer Biologischen Vielfalt Stück für Stück vor sich geht, vergessen wir, was wir bereits verloren haben. Ein schleichender, stiller Tod. Wir gewöhnen uns an die „neue Normalität“. Wie dramatisch diese Entwicklung ist, zeigt folgende Vogelartenliste: Blauracke, Brachpieper, Kampfläufer, Kornweihe, Rotkopf- und Schwarzstirnwürger, Trauer- und Lachseeschwalbe, Schreiadler, Zwergschnepfe, Steinsperling – alles in Bayern ausgestorbene Vogelarten. Nicht einmal erfahrene Vogelkundler und Vogelkundlerinnen würden diese Artenliste mit Bayern in Verbindung bringen. Rebhühner als Fieberthermometer für das Leben in der Kulturlandschaft Das Rebhuhn war, ebenso wie beispielsweise der Kiebitz, in meiner Kindheit eine relativ häufige Vogelart. Seither haben wir mindestens 90 Prozent der Bestände dieser Vogelarten in Bayern verloren. Damit waren Rebhuhn und Kiebitz in meiner Kindheit mindestens zehnmal häufiger als heute. Gerade das Rebhuhn ist mir hier sehr wichtig: Als Standvogel und Samenfresser zeigt uns das Vorkommen von Rebhühnern im Winter, dass in einem Lebensraum viele Wildpflanzen vorkommen. Im Sommerhalbjahr fressen Rebhühner auch Insekten und ernähren ihre Jungen ausschließlich davon. Also lässt ein Rebhuhnvorkommen auch auf großen Insektenreichtum schließen. Rebhühner sind hervorragende, sehr aussagekräftige Indikatoren – sozusagen ein Fieberthermometer – für die Biologische Vielfalt in unserer Agrarlandschaft. Und dieser geht es nicht gut! Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass wir unser Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ gewonnen haben. Und tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren eine ermutigende Anzahl von Maßnahmen umgesetzt, wenn auch nicht in einem Umfang, um den Zusammenbruch unserer Biologischen Vielfalt vollständig aufzuhalten und zumindest einen Teil der über die Jahrzehnte verlorenen Artenvielfalt zurückzubringen. Wir haben auf diese gemischte Bilanz immer wieder hingewiesen. Unser Volksbegehren hat – auch das haben wir immer wieder betont – nicht nur in Bayern Wirkung entfaltet. Bei einem Besuch bei NABU-Kolleginnen und -Kollegen in Baden-Württemberg ist mir wieder einmal bewusst geworden, welche Wellen unser Volksbegehren weit über die Grenzen des Freistaats hinaus geschlagen hat. Allein der Hinweis auf ein mögliches Volksbegehren nach bayerischem Vorbild hat in Baden-Württemberg dazu geführt, dass sich die relevanten Akteure an einen Tisch gesetzt und das sogenannte Biodiversitätsstärkungsgesetz entwickelt haben. Viele der Ziele zeigen deutliche Parallelen zu den Zielen des Volksbegehrens in Bayern. Interessant ist auch der Umsetzungsstand: So können wir beispielsweise beim Biotopverbund „im Ländle“ einiges lernen. Unser Bayerischer Streuobstpakt dagegen erzeugt bei unseren Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg regelrechtes Erstaunen, Bewunderung und sogar ein wenig Neid! STANDPUNKT Agrarlandschaft Anzeiger für die Rebhühner sind hervorragende Indikatoren für die Biologische Vielfalt

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