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Überlebensstrategien der Vogelwelt im Winter

Kälte, Futtermangel, vereiste Gewässer – unsere bayerischen Vögel müssen im Winter mit vielen Gefahren umgehen. Erstaunlich, dass trotzdem ein großer Teil unbeschadet das nächste Frühjahr erlebt. Möglich machen das Tricks und Strategien, die die einzelnen Vogelarten im Laufe ihrer Evolution entwickelt haben.

Die Energiesparkugel

M. Graf

Die geballte, möglichst in die Jackentasche versenkte Faust kühlt viel langsamer aus als die flache ausgestreckte Hand. Das weiß jeder, der schon mal im Januar auf einen verspäteten Bus gewartet hat. Das Rotkehlchen schützt sich ähnlich gegen frostige Temperaturen. Beim Sitzen den Kopf schön einziehen, Flügel eng anlegen und Gefieder aufplustern – fertig ist die Energiespar-Kugel. So können Rotkehlchen ihren kleinen Körper auch bei minus 15 Grad ohne Frostbeulen durch lange Winternächte bringen.

Einfach warm anziehen!

Was wir im eigenen Bett sehr schätzen, die Daune, hält auch unsere Vögel rundum warm. Daunenfedern sind so fein verästelt, dass sie ein ganzes Luftpolster am Körper festhalten können. Diese Luft heizt der Vogelkörper ordentlich auf. Ohne diesen Thermoanzug wären die meisten Vögel im Winter binnen Minuten erfroren. Schließlich müssen sie eine Körpertemperatur von 40 Grad aufrechterhalten. Gerade bei Kleinvögeln, die oft nur ca. 10 Gramm wiegen ist das eine Meisterleistung. Kein Wunder also, dass Vögel so viel Wert auf eine ausführliche Gefiederpflege legen.

Die moderne Wärmedämmung

Hier darf der Buntspecht reinhauhen. Bild: H.Schödel

Ganz up to date beim Wärmeschutz ist der Buntspecht in der Stadt. Statt in kalte, mühsam zu zimmernde Baumhöhlen einzuziehen, nutzt er modernste Wärmedämmung. Hat er erst einmal eine frisch isolierte Häuserfassade entdeckt, schlägt er oft in weniger als einer halben Stunde eine behagliche Höhle in das weiche Material. Dort verbringt er die Nacht, gut isoliert und vom menschlichen Wohnungsnachbarn gratis mitgeheizt. Meist löst dieses Verhalten eines modernen Stadtvogels bei Hausbesitzern wegen der Bauschäden keine Freude aus. << mehr Tips

Kuscheln

Zaunkönig ohne Kuh. Bild: Delpho

Kuscheln ist in unserer Vogelwelt relativ selten, weil dadurch das eigene wärmende Federkleid zerdrückt wird. Aber, keine Regel ohne Ausnahme. Einige Vogelarten kuscheln trotzdem – vor allem, wenn auch noch eine gemütliche Schlafhöhle zur Verfügung steht. Kuschelweltmeister ist der Gartenbaumläufer. Bis zu zwanzig Tiere können sich in einer Baumhöhle zusammendrängen. Etwas ungleich verteilt ist der Kuschelvorteil bei Zaunkönig und Kuh. Der oft nur 8 Gramm schwere Vogel kann an extrem kalten Tagen Zuflucht bei noch auf der Weide stehenden Kühen finden. Die haben mit mehr als zehn Zentnern Gewicht mehr Wärme zum Verteilen als der Winzling in unserer heimischen Vogelwelt.

Barfuß im Schnee?

Warum bekommt die Kohlmeise keine kalten Füsse? Bild: M.Graf

Obenrum mit einem dicken Daunenjäckchen geschützt, stehen unsere Wintervögel barfuß im Schnee – und frieren trotzdem nicht am Zweig fest. Der Trick dabei ist, dass die Füße unserer Vögel im Winter absichtlich kalt sind – nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. So taut der Schnee nicht unter den Füßen, und wo kein Tauwasser entsteht, kann auch nichts festfrieren. Vögel haben, im Gegensatz zu uns, kein Problem mit kalten Füßen. Sie gleichen den Temperaturunterschied zwischen Körper und Füßen durch ein Wärmeaustauschersystem aus. Dabei liegen die Adern, die warmes Blut in die Füße bringen, und die Adern, die kühles Blut wieder zurück zum Körper transportieren, dicht neben einander – die Temperatur wird also durch Adernkontakt an den jeweiligen Zielort angepasst: Vorgekühlt für die Füße, angewärmt für den Körper.

Vorsorgen!

Eichelhäher: Meister der Vorsorge. Bild: H.Hottarek

Einige Vogelarten legen sich einen Vorrat an Nahrung an. So zum Beispiel der Eichelhäher. Er ist im Herbst besonders emsig und versteckt Eicheln, Bucheckern und Nüsse, meist am Fuß von Bäumen. Wird im Winter die Nahrung knapp, lebt er von seinen Vorräten. Er hat ein gutes Ortsgedächtnis, und gräbt seine Vorräte unter dicken Schneedecken wieder aus. Aber alles kann er sich auch nicht merken: So mancher Baum im Wald verdankt sein Leben dem Eichelhäher. Solche Bäume erkennt man oft daran, dass sie mit einer anderen Baumart am Stammfuß verwachsen sind.

Auch der Kleiber betreibt Vorratshaltung. Unentwegt holt er sich Körnchen für Körnchen vom Futterhaus und stopft es unter Flechten in die Rinde der Bäume. Er wähnt sein Futter gut versteckt, aber er darf sich dabei nicht zusehen lassen: Andere Vögel sparen sich die mühsame Vorratshaltung, indem sie einfach des Kleibers Körner wieder hervorholen und verspeisen, wenn der mal grad nicht da ist.

Tarnkleidung

Alpenschneehuhn: Bild: U.Lanz

Das Alpen-Schneehuhn ist ein friedfertiger Vogel. Knospen, Beeren und ein paar Insekten reichen dem genügsamen Alpenbewohner. Leider kann aber auch der friedlichste Vogel nicht in Frieden leben, wenn er gut schmeckt. Für Steinadler, Fuchs und Habicht wäre ein Schneehuhn ein Festtagsmahl. Den Vögeln hilft gegen die zahlreichen Fressfeinde nur eine gute Tarnung. Deshalb wechselt das Alpenschneehuhn als einziger heimischer Vogel von seiner grauen Sommerfarbe in ein schneeweißes Wintergefieder. Damit ist der Vogel im winterlichen Weiß praktisch nicht mehr zu entdecken – Pech für Adler und Co.

Wilde Flucht vor dem Eis

Noch nicht ganz ausgereift ist die Strategie vieler Rallen, zu warten bis ihr Heimatgewässer fast zugefroren ist. Erst kurz bevor die Vögel selbst festfrieren würden, starten sie eine hastige Wetterflucht, um ein noch offenes Gewässer zu suchen. In ihrer Not halten fliegende Bläss- oder Wasserrallen dann sogar glänzende Flachdächer für spiegelnde Wasserflächen und stürzen dort regelrecht ab. Oft müssen diese Tiere aus innerstädtischen Tiefgaragen oder Innenhöfen geborgen werden.So häufen sich bei scharfen Frostlagen die Rallen in den LBV-Vogelauffangstationen

Ab in den Süden?

Die Sensation der Stunde der Wintervögel 2008: Kraniche über München

Kein Vorbild für uns vom Klimawandel bedrohte Menschen sind geschätzte 5 Milliarden Zugvögel weltweit, die jedes Jahr eine Flugreise in wärme Gefilde antreten. Kälte und Nahrungsmangel können diese Vögel dadurch zwar vermeiden, trotzdem werden gerade unsere fernreisenden Vogelarten, wie Rauchschwalbe oder Kuckuck immer seltener. Das liegt daran, dass der Vogelzug immer gefährlicher wird. Viele Rastgebiete sind inzwischen vom Menschen zerstört worden und die schwer zu überfliegende Sahara wird durch den Klimawandel immer größer. Zuhause bleiben im Winter wird deshalb für einige Vogelarten immer attraktiver. Typische Zugvögel wie Star, Hausrotschwanz oder Zilpzalp werden deshalb immer öfter auch im Winter in Bayern gesichtet.